Pop-Diskurs

Hallo Elfenbein...

Schon die Wortschöpfung Pop-Diskurs porträtiert denjenigen wohl ganz gut, der den Ansatz im hiesigen Musikjournalismus etabliert hat: Diedrich Diederichsen, Mitbegründer der Spex, dessen weithin unstrittiger Verdienst es ist, über die 80er Jahre Pop (was immer das auch konkret sei) zu einem seriösen publizistischen, wenn nicht gar wissenschaftlichen Thema gemacht zu haben. Letzteres bildet gleichzeitig aber auch die Schattenseite seiner Herangehensweise und Pop-Diskurs. Denn er gefällt sich oft auf einem sprachlichen Abstraktionsniveau, das an der Uni so manches Hauptseminar locker überfordern dürfte (heiterer Seitenhieb aus anderem Anlass von Eckhard Schütz im Freitag). Was ihm schließlich ab Mitte der 90er harte Kritik aus den eigenen Reihen eintrug und letztlich dazu führte, dass Diederichsen bis zum Verkauf der Spex an Piranha Media vorwiegend passiv als Mitherausgeber in Erscheinung trat.
Inhaltlich haben Diedrich Diederichsen und seine Spex-Kollegen allerdings Standards gesetzt, die bis heute Gültigkeit besitzen. Was sich lange Zeit am besten daran ablesen ließ, dass kaum noch jemand diskutieren wollte oder etwas grundlegend Neues beizutragen gehabt hätte. "Was macht eigentlich der Pop-Diskurs?" fragte die Spex schon zu damals noch besseren Zeiten launig (und selbstironisch) in die Runde im Bewusstsein, dass es eigentlich nichts zu vermelden gab, weil alles gesagt schien. Sehr launig kommentiert wird dieser Stand der Dinge von Debug-Mitbegründerin Mercedes Bunz aus Anlass eines Kleinskandals im Herbst 2005.

Pop-Diskurs 2000

Wo die ursprünglichen Debatten vor den Web-Zeitalter liegen, lässt sich aber so einiges finden, das den ungefähren Stand der Dinge in diesem Jahrzehnt dokumentiert:
Ingo Arend reist im November 2001 per Freitag durch die real existierende Pop-Welt. Eine zutreffende Reportage, immer noch aktuell (vielleicht etwas wortreich, aber dafür auch gut lesbar).
Wer gern ein paar Anknüpfungspunkte zum selber denken und suchen hat, kann gut beim single-dasein.de zusteigen: Stichworte, Namen, Verknüpfungen- es geht mit Warp 10 durch die Galaxis.
Prägnanter und für seine Verhältnisse recht zugänglich bringt Diedrich Diederichsen die Beschreibung des Problems Pop- hier dokumentiert von nightsounds.de
Der Unterschied zu diesem Text ist recht spannend finde ich:
Für Soziologen und andere Freunde des Akademischen hier ein sperriges Traktat, das sich Diederichsen selbt nie zu schreiben getraut hat- verfasst von Roger Behrens, der zusammen mit Martin Büsser, seinem Kollegen vom Ventil Verlag, heutzutage außer Diedrich Diedrichsen der einzige zu sein scheint, der diese Linie weiterverfolgt- netter Weise dokumentiert von den beatpunk.org-Kollegen. Wer die Energie aufbringt, sich da durchzukämpfen, wird sehr viel richtiges finden, was anderswo so nicht betrachtet wird, aber nach meiner unbescheidenen Meinung auch vieles, was genauso "krude" ist, wie das Objekt der Analyse (wie man z.B. völlig an der Bedeutung von Punk vorbeianalysieren kann, wenn man ihn auf bloße kapitalische Marktmechanik reduziert, ist für mich ein interessanter Randaspekt).
Mehr down-to-earth (und für viele sicherlich immer noch zu abgehoben), ist dieser kulturkritische Round-Table der texte zur kunst, der beleuchtet, was Style mit Neocons und das alles mit neuerem deutschen Kino und aktuellen Mags zu tun hat.
Ansonsten tauchte der Pop-Diskurs seit Anfang des Jahrzehnts immer gern kurzzeitig auf, wenn mal wieder Protagonisten der Hamburger Schule (bekanntlich auch "Diskurs-Rock" genannt), neue Tonträger präsentierten. Sicherlich hielt auch der Markterfolg dieser Bands das Thema am Leben- zumindest bei der schreibenden Zunft.
Ausführlich und durchaus böse setzt sich Rudolf Maresch in Telepolis mit Diedrichsens Ansatz auseinander (nennt diesen gar "Popstalinist", was mich zwar erheitert, aber...), wobei auch einige realistische Thesen zu den Lieblingsphilosophen des Spex-Gründers zur Sprache kommen.

Pop-Diskurs²

Die Poschard-Diederichsen-Debatte
Wo sich das breite Publikum sowieso eher wenig für derartig anstregende Themen interessiert und die Musikbranche sowieso nicht, wäre womöglich das Thema Pop-Diskurs tatsächlich in den Bibliotheken der Unis verschwunden. Wenn es nicht in der pop-journalistischen Zunft mit Ulf Poschardt eine schillernde Figur gäbe, die immer wieder Schlagzeilen produziert, indem sie möglichst vielen Kollegen vor's thematische Schienbein tritt.
Ein solcher Sturm im akademischen Wasserglas hat fürs interessierte Publikum immer den Vorteil, dass die alten Argumentationlinien nochmal in Anschlag gebracht werden und so ein hübscher Überblick zum Thema zustande kommt. Weshalb eine geeignete Suchmaschine bei mittlerem Zeitaufwand nützliche Links ausspuckt.

Und mein vorläufiges Schlusswort:
"Pop's not dead, it just smells funny".

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