Pop & Kunst

Mythen & Vorurteile

Zuerst das größte aller populären Missverständnisse: Pop sei nur die Abkürzung von "populär"- das wusste der Brockhaus schon anno 79 besser, wie hier dankenswerter Weise dokumentiert wird. Wird aber (wie erwähnt) Richard Hamilton als Urheber angesetzt, dann ist "populär" sogar eine schlicht falsche Übersetzung.
Ebenso fragwürdig ist die in Kreisen des Bildungsbürgertums seit Jahrzehnten gepflegte Gewohnheit, Pop als modernes Synonym für "U-Musik" zu gebrauchen. Dabei war diese Unterteilung der Klassik in "E" und "U" schon vor 100 Jahren im Ansatz fragwürdig, wie die Wikipedia an dieser Stelle diagnostieziert.
Tragischer Weise haben aber nicht wenige Pop-Musiker diese Ansicht verinnerlicht und schleppen als Minderwertigkeitskomplex das böse alte Wort von der "Wegwerfkultur" mit sich herum. Besonders nach überschreiten einer gewissen Altersgrenze steigt anscheinend oftmals die Sehnsucht nach Anerkennung durch die bürgerliche Aufführungskultur mit ihren Orchestergräben. Die Spur führt von Prog-Rock über orchestrierten Breitwand-R&B bis durchaus zu Matthew Herbert. Denn auch das Publikum klatscht: Wer mit klassischen Elementen arbeitet, wird gern als "echter" Künstler angesehen.
Allerdings sind derart beschwerliche Gedankengänge der großen Mehrheit der Pop-Musikanten herzlich gleichgültig. Teilweise sogar zu Recht, denn der kritische Ansatz der Pop Art ist auch hier präsent: "Der Grundzug der Programmatik einer Popkultur ist es, die Unterscheidung zwischen Subkultur und Hochkultur, Massen- und Elitekultur, U- und E-Kultur aufzuheben." (Bazon Brock)
Einerseits gibt es sicherlich einige Anzeichen dafür, dass diese Mission tatsächlich geglückt sein könnte, andererseits kommen Pop-Stars immer wieder spätestens dann ins Grübeln, wenn sie in bürgerlichen Kultursendungen Befremden auslösen.

Reduktion=billig?

Die Ursache ist das auch nach einem halben Jahrhundert Pop immer noch das verbreitete Vorurteil, dass auf wesentliche Grundstrukturen komprimierte Musik minderwertig/billig/trivial (u.ä.) sei. Nun hat sicherlich auch der pop-übliche offensive Umgang mit Sex dazu beigetragen, aber es ist schon seltsam: In der bildenden Kunst ist das Thema Reduktion seit Expressionismus und Kubismus durch- also seit mittlerweile 100 Jahren. Dort würde niemand mehr auf die Idee kommen, einem Alberto Giacometti den Kunststatus abzusprechen.
Klar, Pop Art hat dem noch eins drauf gesetzt- wenn sogar Suppendosen "pretty" sind, kommen Konservative endgültig ins Schwimmen. Trotzdem: Auch das ist bekanntlich allgemein akzeptierte Kunst.

In der aktuellen Musik hat Techno das Thema zuletzt als Minimalismus nochmal besonders prägnant auf die Tagesordnung gesetzt. Folglich können die Minimal-Pioniere Carsten Nikolai und Wolfgang Vogt (Eigentümer des Kölner kompakt-Labels) diesen Ansatz auch am besten erläutern (gegenüber De:Bug/100): "Bei mir ging es immer darum, die Feinheiten von Sound begreifbar zu machen. Bestimmte Töne, bestimmte Frequenzen sollten durch mikroskopische Aufmerksamkeit wieder ins Blickfeld gerückt werden." (Carsten)
Wolfgang: "Die Message war die reine, minimale Essenz: Die Bassdrum und das Universum zwischen diesen Schlägen."
Die Stille von John Cage liegt keineswegs unbeabsichtigt in Hörweite.
Übrigens wird das Universum zwischen den Beats bereits seit langem vom Jazz bereist, allerdings gewissermaßen aus entgegengesetzter Richtung. Dort werden die (geraden) Beats herausgenommen, um die Zwischenräume soweit als möglich aufzufüllen. Aus dieser Perspektive also zwei Seiten der gleichen Medaille. Und Cool Jazz hat bekanntlich schon zu Anfang der 50er des letzten Jahrhunderts in dieser Richtung erfolgreich Reduktionstechnik demonstriert. Keine Revolution ohne Vorgeschichte.
Ansonsten gelten die Anmerkungen aus Richtung kompakt durchaus für alle andere "Popmusik"- ich halte eigentlich nicht viel von diesem Begriff, aber dazu später.

The Meaning Of Style

Bislang war eher von (sound)technischen Ansätzen die Rede. Pop erweitert den Sound aber auch um die Dimension der Lebenskunst und Identitätspolitik. Der eigene Stil, das Absetzen von der Masse, systematisches Erarbeiten eigener Freiräume bishin zur Wahl des eigenen Geschlechts- Selbststilisierung ist die Basisstrategie von Pop. Wie so oft besonders gut zu erkennen, wenn es schief geht: Telepolis-Autor Tom Appleton diagnostiziert totalen Image-Salat. Demzufolge ließe sich die Utopie von Pop ungefähr so formulieren:
"Du kannst was aus dir machen, fang heute noch damit an! (Oder geh wenigstens Tanzen: Move your ass and your mind will follow)"
Der ehemalige Spex-Chefredakteur Dietmar Dath bringt es für De:Bug (100) auf die schöne Formel: "Musik behauptet mögliches Leben."

Warp 9?

Pop ist nicht halb so schnell, wie viele Protagonisten meinen- es passiert nur alle Jubeljahre mal, dass jemand wie Missy Elliot einen neuen Standard definieren kann (und das zumeist auch nur einmal im Leben). Alles andere sind bei Licht besehen fast immer "Detailverbesserungen".
Die an manchen Schreibtischen der Konzerne verspürte Lichtgeschwindigkeit bezieht sich in erster Linie auf Spekulationsgeschäfte an der Warenterminbörse- auch "Charts" genannt ;-) Mithin also auf Singleauskoppelungen von Longplayern.
Trotzdem gibt es natürlich bei allem eine zeitliche Dimension, auch wenn nicht jedes Jahr alles komplett neu erfunden wird.
Guter Pop hat ein klares Bewusstsein vom aktuellen Geschehen und bezieht eine Position zu solchen Trends: Entweder KünstlerInnen schaffen es, einen Trend sehr genau abzubilden (Madonna hat ein Händchen für solche Leute) oder sogar eine eigene Position vor diesem Hintergrund zu entwickeln (In Search Of N.E.R.D) oder liefern einen funktionierenden Gegenentwurf, was in den letzten 50 Jahren nur sehr selten der Fall war.
Vor diesem Hintergrund würde ich mal in den Raum stellen:
Die Kunst von Pop ist das Gefühl für das Wesentliche. Die zutreffende Wahrnehmung, was in den Clubs passiert/funktioniert und die Fähigkeit, diesen Vibe möglichst direkt mit nur den nötigsten Mitteln rüberzubringen. Pharrell Williams hat das in den letzten Jahren mehrmals sehr deutlich vorgeführt. Vgl. "Drop Like It's Hot" für Snoop Dogg, auch wenn das alles ohne Missy und Timbaland nicht möglich gewesen wäre.
Aber trotz aller Missverständnisse könnten sich die Reisenden im Raumkreuzer Pop bequem zurücklehnen, denn Pop hat gesiegt...

Anderer Meinung?