Problem Pop

Oder: Wir sind Borg

Für ca. eine handvoll Leute ist wirklich das meiste gesagt zum Thema Pop, aber wie die Dinge liegen, ist genau dieser Zustand auch das Teil des Problems. Es hat Gründe, dass Diskurse aus den 60ern auch in diesem Jahrhundert noch hochaktuell erscheinen, denn die verhandelten Probleme sind zu einem guten Teil bis heute ungeklärt. Pop scheint nicht viel weitergekommen zu sein seitdem.
Doch das scheint nur aus intellektueller Perspektive so. Der real existierende Pop hat seinen Marsch durch die Institutionen des globalisierten Showbiz abgeschlossen und den urbanen Alltag weltweit nahezu vollständig durchdrungen. So vollständig, dass zumindest das Wort Pop funktionslos geworden ist: Falls überhaupt noch irgendwas, dann bezeichnet es den allgemeinen Lebensstil des 21. Jahrhunderts- von irgendwelchen evtl. mal mitgedachten Gegenentwürfen ist seit ca. 30 Jahren keine Rede mehr. Die von deutschen Marktschreiern einst ausgerufene "raving society" ist uns glücklicherweise erspart geblieben, aber die Pop Society ist Realität. Weltweit.(Remember Star Trek? "Wir sind Borg, Widerstand ist zwecklos. Sie werden assimiliert werden." ;-)

Bach Disko

Demgegenüber ist die Diskussion über (Pop-)Kultur im Allgemeinen und aktuelle Musik im Besonderen in der Krise. Die Wissenschaft hat in einem halben Jahrhundert Pop-Geschichte streckenweise noch nicht einmal brauchbare Definitionen für die wesentlichen Kulturphänome der heutigen Zeit entwickeln können- akademisch, aber treffend beschrieben von Christoph Jacke für Telepolis.
Da nimmt es nicht Wunder, dass die bildungsbürgerlich geprägten Medien ebensowenig in der Lage sind, aktuelle Musik passend einzuordnen oder zu besprechen. Seit Jahrzehnten darf die geneigte Kundschaft froh sein, wenn überhaupt moderne Musik thematisiert wird und nicht die zehnmillionste Wiederholung einer 200 Jahre alten Komposition.
Eigentlich auch nicht verwunderlich, dass diejenigen, die zum Teil ihr gesamtes publizistisches Leben damit verbracht haben, gegen solche Resistenzen anzuschreiben, irgendwann keine Lust mehr haben.

Pop Disco

Daraus ergibt sich eine reichlich schizophrene Situation: Auf der einen Seite muss immer noch erklärt werden, dass Pop/Musik eine ernsthafte Kunstform ist, während andere zu überzeugen sind, dass keineswegs alles gesagt/erklärt und schon gar nicht erledigt ist.
Angesichts der grassierenden Verständnisprobleme habe ich erstmal etwas Sight-Seeing gemacht und bin per Anhalter durch die Galaxis Pop, habe dann ein paar Ausgrabungsarbeiten getätigt und nachgesehen, was die Kunst so macht, um schließlich völlige Assimilation diagnostizieren müssen- aber nur fast, denn ein Krawall im Hinterzimmer namens Pop-Diskurs zeigte im Herbst 05, dass vielleicht doch noch etwas Leben drinstecken könnte.

Anderer Meinung?