Blumfeld

L'Etat Et Moi

Wieder gehört- die Perspektive von 2006:
Schon erstaunlich, wie frisch Blumfelds Durchbruch L'Etat Et Moi auch geschlagene 12 Jahre später noch klingt. Was daran liegen dürfte, dass sie hier tun, was sie seitdem planvoll vermieden- sie rocken. Und das so locker auf den Punkt, dass sie damit selbst heutzutage international noch bequem mit der Riege der "The"-Bands mithalten könnten. Bei all dem Diskurs- und Grübel-Pop, den Blumfeld nicht zuletzt mit L'Etat Et Moi angestoßen haben, ist das für mich aus heutiger Sicht eine absolute Erholung: Energie & Leichtigkeit plus Diestelmeyer'sche Consciousness at it's best.
Der große Erfolg hat damals wohl auch Blumfeld selbst überrascht, schließlich betätigte sich man sich noch als "Superstarfighter" (Songtitel). Und wirklich neu war das alles auch nicht direkt: Die Sounds wurden nicht allzulang vorher von Spex-Gründer Diedrichsen noch als "Gitarren-Schrumm" bezeichnet und meinte besseres Indie-Level, das zur damaligen Zeit nichts besonderes war. Neu war schon eher der direktere Bezug auf die 70er Mod-Punk-Legende The Jam, was optisch besonders vom Glam-Cover von L'Etat Et Moi transportiert wird.

Sogar die Hamburger Schule war damals kein neuer Begriff- meines Wissens nach war das bereits in den 80ern ein selbstgewähltes Label der dortigen Punk-Szene, die damals nach dem Scheitern der NDW und dem Ableben von Slime am Projekt "Rock & Sprache" (;-) arbeitete. Erstes Ergebnis dieser Vorarbeiten war bekanntlich die Kollossale Jugend, die zu Recht immer wieder als Bezugspunkt des zu jener Zeit aus der ostwestfälischen Provinz zugereisten Jochen Diestelmeyer genannt werden. Genauso wie der Einfluss der Szene um Die Goldenen Zitronen, Rocko Schamoni und deren Golden Pudel Club.
Neu war aber die heute noch hörbare professionelle Lockerheit, mit der auf L'Etat Et Moi alle diese Einflüsse verarbeitet und um ein wesentliches Element erweitert wurden: Pop. Was vom Pudel Club nur als ironisch gebrochen als Trash gesportet wurde, kam jetzt von Blumfeld mit ziemlich unbeschwerter Konsequenz. Vor allem: Es funktionierte- die Fans kamen in Scharen.
Trotzdem erschließt sich die wirkliche Bedeutung von L'Etat Et Moi erst aus der Perspektive dieses Jahrzehnts, in der deutschsprachiger Gitarren-Pop einen Boom erlebte, der Blumfelds Überraschungserfolg noch bei weitem übertraf (marktmäßig, sag ich jetzt mal). Selbst die Entwicklung einer eigenständigen Szene, die den Begriff Hamburger Schule letztlich zu dem machte, was heute darunter verstanden wird, war anno 94 noch nicht absehbar.

Außerdem gab es eine Vielzahl von Leuten, die Pop in dieser Form mehr als kritisch gegenüber stand. International erreichte die kritische Distanz zu Pop nach der Selbstentleibung Kurt Cobains nicht nur in der Grunge-Szene neue Schärfe, auch hierzulande gab es eine breite Gegenbewegung, die sich auch an der damaligen Neuauflage der hannoveraner Chaos-Tage ablesen lässt. Eben dieser Punk-Szene im Sinne der 80er fühlte sich auch Kettcars Marcus Wiebusch mit seiner zu der Zeit sehr bekannten Band But Alive.. zugehörig, der sich wohl noch nicht träumen ließ, dass er einige Jahre später ähnlich wie Blumfeld 1994 einiges publikumswirksam auf den Punkt bringen würde, was durch L'Etat Et Moi ins Rollen kam.
Und am Ende der 90er auch wieder abzuebben schien: Blumfeld selbst verspührten als intellektuelle Künstler ohnehin keine Lust, den Sound von L'Etat Et Moi einfach fortzuschreiben und nachdem sich das Umfeld aus Die Sterne, Tocotronic & Co. ebenfalls etabliert hatte, sah es ganz danach aus, als ob eine Szene den üblichen Weg gehen würde und damit alles gesagt wäre.

Aber die nächste Generation war in Gestalt der Sportfreunde und Tomte bereits in den Kellerclubs unterwegs und zeigte wenig Neigung, aus dem scheinbaren Überschreiten des Zenits die im Pop-Biz übliche Konsequenz zu ziehen ("sowas kannste nicht mehr bringen" ;-) und machte relativ unbeschwert einfach weiter. Mit den bekannten Konsequenzen: Zuerst gründeten Thees Ullmann und Marcus Wiebusch Grand Hotel Van Cleef, dann ging 2002 Kettcars Du und wieviel von deinen Freunden gold und weil die erste Generation ja keineswegs den Löffel abgab, sondern sich im Gegenteil größter Medienaufmerksamkeit erfreuen konnte, führte das dann zum tatsächlichen Take-Off und dem allseits gefürchteten Hype am Massenmarkt mit sattsam bekannten Konsequenzen. Tja- und ich bin in meiner kleinen Schreiber-Klause dieser Tage durchaus der Ansicht, dass all dies ohne Blumfelds L'Etat Et Moi nicht passiert wäre.
Wer sich für den Zeitgeist des Jahres 1994 interessiert, findet wohl keine bessere Quelle den Spex-Artikel von Kerstin Grether zu Band & Album, der wie vieles andere von Skyeyeliner bereit gehalten wird.

Anderer Meinung?