Mia

Stille Post



Die Stille Post von Mia steht im Schatten des großen Nationalismus-Beefs rund um die vorab-Single "Was es ist". Vor diesem Hintergrund ist es kaum möglich, den Longplayer hier musikalisch zu betrachten- also versuche ich lieber, den Frontverlauf nochmal nachzuziehen. Denn allein auf Pop-Ebene ist die Mia -Disko durchaus eine der interessanteren der letzten Jahre und auf politischer Ebene scheint es mir in Zeiten ständiger Debatten um Parteiverbote u.ä. angezeigt, das Thema nicht juristisch wegzudefinieren, sondern sich mitten rein zu begeben.

Mia & Das Video

Auslöser war die zwecks Promo für den anstehenden Mia -Longplayer im Herbst 03 vorab herausgekommene (und hier auch wieder vertretene) Single "Was es ist"- ein Lied über Nationalismus/ bzw. deutsche *umpf* "Nationalgefühle", womit Mia das Thema anscheinend aus der Pop-Perspektive zu betrachten versuchten. Einen größeren Kunst-Kontext sollte zusätzlich wohl die (vom Mia -Label angeschobene?) Intiative "Angefangen" herstellen, was für mich in seiner Schlichtheit schon damals eher nach Marketing-Crossover aussah. Und mittlerweile hört man gar nichts mehr aus dieser Richtung...
Im Video inszeniert sich das als kitschiger Schmachtfetzen mit uniformierten Kindern, wobei die Sängerin elfengleich vorweg zu hüpfen trachtet, während sich die restliche Kapelle anscheinend höchst punkig vorkommt. Schließlich wird auch noch die Fahne eingespannt- vor lauter Pose fallen die zentralen Statements allerdings erstmal so wenig auf, dass sie im theatralischen Brimborium ohne Kopfhörereinsatz leicht zu überhören sind. Wenn dir das passiert, hältst du es für ein Liebeslied. Um dann festzustellen, dass sich das ganze Pathos auf das Land hier bezieht...
Das scheinen Mia also für eine gute Provokation gehalten zu haben. Und was Wunder: Es hat auch geklappt (jammert irgendwer?). Wäre es bei diesem in aller Naivität vorgetragenen Statement geblieben, hätte ich nur "au weia" gedacht und es weniger für Wert gefunden, mich länger damit zu beschäftigen.
Nun folgte ein Lehrstück in Sachen Marktmechanismen, bei dem ich den Mia-Leuten leider nicht wirklich abnehmen kann, dass sie tatsächlich so naiv sind, wie sie anscheinend bis zum heutigen Tage tun wollen (ansonsten halte ich irgendwie "vaterländische" Gesinnung allerdings für eher unwahrscheinlich).

Mia & Der Massenmarkt

Anfangs sah es auch so aus, als ob sich kaum jemand drum scheren würde, dass sich irgendeine Pop-Combo partout blamieren will. Dann lieferten allerdings die Mechanismen des Musik- und Medien-Marktes den naiven Mia -Musikanten nochmal eine Nachhilfestunde in Sachen Kommunikation: In Zeiten allgemeiner Trend-Flaute stiegen diverse Zeitgeist-Postillen drauf ein, um die als Pop-Accessoir hierzulande ungebräuchlichen Nationalfarben auf Hype-Tauglichkeit durchzutesten.
Spätestens ab da kamen auch die Reaktionen der politischen Szene, denn dort hatten sich Mia bekanntlich vorher weit links eingeordnet und spielten sowohl Antifa-Konzerte, als auch beim stets heftigen 1. Mai in Berlin, etc. Dass es von dort nach solchen Einlassungen auf die 12 gibt, dürfte sie eigentlich nicht ernsthaft gewundert haben. Es folgten Bewerfungen, abgebrochene Auftritte und eine Menge böses Blut.
Auf öffentlicher Bühne kann eben niemand einfach mal irgendwas vor sich hin formulieren und sämtliche Kontexte ausblenden, nur weil er/sie sich dabei so furchtbar spielerisch vorkommt. Trotzdem hätten es die Mias anscheinend immer noch sehr gerne so gesehen, wie sie auch Astrid Vits zu Protokoll gaben. Und werden sich wohl noch bis an ihr Lebensende wundern, warum nun so viele ExFreundInnen echt voll gemein zu ihnen sind (die sollten sich nach Mia-Meinung doch mal bitte irgendwie " locker machen" *vordiestirnschlag*). Dazu fällt mir nichts mehr ein...
... muss es auch nicht, denn über diesen Clash ist gerade im Netz so viel berichtet und geschrieben worden, dass ich hier nicht nochmal damit anfangen will- mehr Infos:

Die Mia-Debatte online


Ein guten Überblick über die Gesamt-Problematik liefert dieser Pressespiegel zu Mia & Nationalismus

Micky hat im ganzen Geschrei eine angenehm unaufgeregte und gründliche Analyse des Mia-Textes verfasst, der es kaum was hinzuzufügen gibt. Und wer sich vom etwas unglücklichen Layout nicht abschrecken lässt, kann vor allem eine Masse von weiterführenden Links finden.

Wie die doch etwas beklemmende Reaktion der Trend-Blätter aussah, dokumentiert diese Linksammlung zu Mia & Medien.

Die Statements von Band-Mitglied Andy in diesem Mia-Fan-Forum sind leider an Naivität nicht zu überbieten (Motto: "Wir hatten doch einfach mal nur so eine Idee und nun erklärt uns keiner was")

Und wenn richtig ist, was die Mia-Hater hier berichten, dann kann man die Naivität eigentlich nur noch als Dummheit bezeichnen

Apropos hate: Die Eierwürfe auf Mia anlässlich einer studentischen Soli-Veranstaltung vom Jahresanfang 04 werden hier diskutiert.
Außerdem finden sich weiter unten noch mehr Links.

Wie der größere Zusammenhang von Mia & Nationalismus zu sehen ist, erklären die Leute vom Leipziger Veranstaltungszentrum Conne Island sehr ausführlich und begründen so, warum sie einen geplanten Auftritt von Mia abgesagt haben.

Was Mia mit Kulturindustrie und neuer Mitte zu tun haben, beleuchtet Ex-Spex-Redakteur Felix Klopotek für jungle world dankenswerter weise sehr gründlich.

Schlussworte zu Mia

oder Nationalismus (oder beidem)

Unerwartet, aber treffend-
Johannes B. Kerner fragt die im Frühjahr 04 aktuelle (SPD-) Präsidentschaftskandidatin Gesine Schwan:
"Lieben sie ihr Land?"
"Nein, das ist zu viel."
(Und Frau Schwan wird bekanntlich eher dem rechten SPD-Flügel zugeordnet...)

Ansonsten trifft es Lara im erwähnten Fan-Forum zwischen den Fronten von naiven Fans und politischen Dogmatikern für meinen Geschmack am besten:
"Kann ja sein, dass 'Angefangen' ehrenwerte Ziele verfolgt und eigentlich was in den Köpfen verändern will, aber (...) WARUM UM ALLES IN DER WELT muss das in schwarz-rot-goldenen Klamotten sein bzw. was um alles in der Welt hat die Vermittlung guter Werte und guter Musik eigentlich mit irgendeiner bestimmten Nation zu tun? Richtig: NIX! Und genau deswegen finde ich Mia echt billo und peinlich. Ach ja, und was ist denn bitte friedlicher Nationalismus?"

Leider ist mein eigener Verdacht sogar noch schlimmer: Einer Combo, die sich eben noch der Linken zugehörig gefühlt hat, kann ich derart plötzlich abhanden gekommenes Denkvermögen nicht so recht abnehmen. Vielmehr kann ich mich der Vermutung nicht entziehen, dass hier x-beliebige politische Zeichen als bloßer Marketing-Gag benutzt wurden. Bzw.- nicht irgendwelche x-beliebigen, sondern zielsicher genau diejenigen, die hierzulande das größte Aufsehen erregen (remember marketing-overkill: any news is good news). Falls irgendwer noch Anschauungsmaterial zum Thema "Amoralischer Kapitalismus" gebraucht haben sollte...
Das treffendste Fazit zur Welle lieferte Tobias Thomas in der Spex (04/04):
"Einer in jeder Hinsicht so schlecht und falsch positionierten Band möchte man auch gar nicht bescheinigen, mal das eine oder andere Lied zu mögen. Es gibt nun mal kein 'gutes Rocken' im Falschen."
Anderer Meinung?