Wir sind Helden

Die Reklamation


Wir sind Helden liefern als Die Reklamation das Album zum Single-Erfolg "Guten Tag"- listig betitelt nach der zentralen Song-Stelle, die zum Zeitpunkt der Veröffentlichung jedes Kind singen konnte. Die mittlerweile massenhaft zitierte Vorgeschichte ist bekanntlich: Kleine Indie-Band ohne allzu vermessene Ambitionen und Vertrag landet trotzdem einen Radio-Hit. Prompt ist der Vertrag für Wir sind Helden nur noch Formsache und ein Video jagt das nächste. Tosender Jubel überall- die Welle war längst losgetreten, jemand anderes darüber sang (das ist durchaus ein Problem- aber eine andere Geschichte). Und auch die Plattenbosse sind glücklich: Über eine Million verkaufte Einheiten, ohne dass die Talent-Scouts Überstunden machen mussten- die gute, alte Einkaufspolitik hatte mal wieder so richtig hingehauen. Was überhaupt nicht gegen Wir sind Helden spricht.

Rückblickend ist die Musik von Breitenwirkung und Spätfolgen kaum noch zu trennen, aber ich versuche es trotzdem nochmal:
Das durch "Guten Tag" vorgegebene Level halten Wir sind Helden nicht so ganz- es wird insgesamt deutlich besinnlicher gerockt. Judith Holofernes ist halt eine Songwriterin der freundlichen Sorte. Konfrontation ist ihre Sache nicht, sie übt Kritik auf nette Weise. Dass böse Zungen sie daraufhin prompt zur "Klassensprecherin" erklärten, finde ich natürlich völlig überzogen ;-) Grundsätzlich ist das erstmal nur sympathisch und hat mit Sicherheit ein großes Stück zum herausragenden Erfolg dieses Debuts von Wir sind Helden beigetragen.

Allerdings führt derartig unkontrolliert dosierte Nettigkeit auf dem Massenmarkt schnell auf die dunkle Seite von Pop: Zuerst stehen falsche Freunde Schlange, die auch was vom Schampus abhaben wollen, während sich die Marktstrategen die Hände reiben und mit solcher Art Erfolgsrezept schnell ein paar Nachahmer servieren, um mit dem Hype die Bilanz aufzupolieren (in Krisenzeiten gibt's da ein Sonderlob vom Chef).
Möglich wurde der kometenhafte Aufstieg von Wir sind Helden aufgrund langjähriger Vorarbeit so mancher Sportsfreunde ;-) der Hamburger Schule und deren Nachkommen vor allem. Vielleicht war es im Jahre 2003 auch immer noch außergewöhnlich, dass eine Musikerin dermaßen selbstverständlich die Landessprache verwendet, was hierzulande jahrzehntelang immer wieder schwierig war. In dieser Hinsicht: Ein Schritt in Richtung Normalität. Anderer Meinung?