Pop & Sprache

...als ewige Problemzone

Bleibt alles anders: Auch wenn es immer mehr schmerzfreie Varianten zu geben scheint, das Verhältnis hiesiger Musiker zur eigenen Sprache bleibt "komplex". Nach wie vor zerissen zwischen Schlager und Literatentum, obendrein stetig bedroht von der Eingemeindung durch konservative oder gar nationalistische Zirkel- es stehen immer noch mehr Untote parat, als es dir lieb sein kann. Trotzdem scheinen die Jahre vorbei zu sein, in denen die Leute dem Problem völlig aus dem Weg gingen. Nachdem über die 90er aus verschiedenen Richtungen an sprachlichem Selbstverständnis gewerkelt wurde, erleben wir mittlerweile eine stetig wachsende Zahl von Leuten, die relativ unbefangenen Gebrauch von der Muttersprache machen.
Ein langer Marsch von den ersten Ansätzen in den 60ern, als Amon Düül sich selbst als "Sauerkrautband" bezichtigten und Ton Steine Scherben die Landessprache wenig später zum Frontalangriff auf das System nutzten. Die hiesige Sprache als Absage an Kommerz- zwischen allem Krampf ein regelrechter Lichtblick. Übrigens einer, der Fernwirkungen bis in die heutige Zeit hinein besitzt, wie Referenzen von Blumfeld bis zu den Söhnen Mannheims mehr als deutlich zeigen.

Obwohl es eine Musikergeneration später sogar noch hoffnungsvollere Versuche gab, sich die eigene Sprache zurück zu erobern, ist die neue deutsche Welle eine Angelegenheit, die zurzeit nur von einigen seltsamen Zeitgenossen gepflegt wird. Das hat bekanntlich Gründe.
So mehrten sich tatsächlich erst in den 90ern (20 Jahre nach dem Aufbruch der Scherben) allmählich Versuche, die Landessprache für Pop-Zwecke ernsthaft nutzbar zu machen. Am direktesten auf der Linie der vorigen Jahrzehnte die Hamburger Schule im Rock-Sektor, noch schwerwiegender dürfte aber wohl die Entwicklung im Hiphop gewesen sein. Angesichts größeren Hit-Potenials und entsprechender Unterstützung durch die Medien hat Hiphop womöglich den größten Beitrag dazu geleistet, einen selbstverständlicheren Umgang mit der Muttersprache zu entwickeln. Deutlichstes Zeichen ist vielleicht der Nachweis, dass sogar ("sweet") Soul in deutscher Sprache funktionieren kann- vgl. Joy Denalani.

Trotzdem ist Normalität woanders. Wer dachte, dass die finsteren Aspekte der hiesigen Kultur durch die Auflösung der Böhsen Onkels langsam in Vergessenheit geraten könnten, sieht sich getäuscht: Die anfangs nicht ganz unsympathischen Mia führten mit aller Deutlichkeit vor, in welchem Trümmerfeld das hierzulande immer noch viel zu schnell enden kann. Und zwar genau dann, wenn man meint, die unangenehme Geschichte einfach mal weglassen zu können.
All das zeigt deutlich, dass trotz vieler erfolgreicher Versuche der letzten Jahre anscheinend (noch?) kein wirklich lockerer Umgang mit der Landessprache möglich ist.
Weswegen die Situation schizoide Züge trägt: Auf der einen Seite die unbedarften Gebrauch von der Landessprache machen und zugegebenermaßen dieser Tage relativ unpeinliche Musik hinbekommen- im Vergleich zu früheren Zeiten ließe sich da schon ein Fortschritt erkennen, wenn denn einer her muss.
Auf der anderen Seite steht dann aber die Produzentenriege, die wie anno 1980 schnell wittert, was gerade gut verkauft und sich ein paar marktgerechte Produkte zusammenklont. Dass auch Judith Holofernes das erschreckend findet (von Prostitution war die Rede), finde ich nun wieder eher belustigend, aber glücklicherweise ist uns der ganz große Mega-Hype bislang noch erspart geblieben. Und das trotz der Tatsache, dass die ersten Pop-Nachschlagewerke zum Thema auf dem Markt sind und die Jugendredakteure aller Provinzblätter ein bequemes Thema gefunden haben.
Dass die "nächste deutsche Welle" noch kein Tsunami wurde, dürfte zum Teil auch daran liegen, dass es einige namhafte Bands gibt, die selbstverständlichen Gebrauch von ihrer Sprache machen und sich nicht als Trend verhökert sehen wollen (schon gar nicht als politisches Programm). Wie auf der Web-Seite I can't relax in D zu lesen steht, ist im Spätsommer eine Aktion geplant (Sampler zur Popkomm?). Auf das Medien-Echo bin ich schon gespannt...

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