Hamburger Schule

Oder: Wie subversiv ist Pop?

Ja, ich glaube doch- Pop ist die heimliche Mission der Hamburger Schule. Das behaupte ich natürlich aus der Perpektive von 2005, denn selbst ein Jochen Distelmeyer (der sich bekanntlich seit einiger Zeit klar zu Pop bekennt) hätte das 1993 wohl noch massiv bestritten.
Ansonsten ist die Hamburger Schule ein mittlerweile wohl tatsächlich historisch zu nennender Ansatz, zu dem die Wikipedia für nicht-orientierte einen brauchbaren Überblick bietet. Vor allem, wenn du auch bei den verwandten Stichworten ein wenig zwischen Zeilen liest, werden die Einflussfaktoren schnell sichtbar: Sprache, Pop, Punk/NDW und (ja, nennen wir es doch ruhig:) Revolution.
Denn Subversion/Revolution war Anfang der 90er ein zentrales Thema, als die Überlebenden von Hardcore die letzten Inseln der Subkultur gegen Ausverkauf an die Musikindustrie mit allen Mitteln zu verteidigen suchten.

Unfreiwilliger Pop Level 1

Der Pop-Faktor war natürlich zuallererst eine Sound-Frage. Und da war die Radikaltiät im Hardcore der 80er nicht mehr zu überbieten: Ob Frontalangriff a la Minor Threat oder Mainstream-Bashing mittels Jazz-Strukturen wie bei Victims Family. Alles selbstverständlich mit maximalem Energie-Level (heutzutage würden wohl die meisten wieder Aggression sagen)- in jeder Hinsicht und beim besten Willen nicht mehr zu toppen. Kolossale Jugend, die eins der ersten Ausrufezeichen lieferten, waren noch da noch am nächsten dran (frühe Dinosaur Jr. würde ich mal als grobe Orientierung nennen).
Im Vergleich dazu waren ein paar Indie-Rocker, die lustigerweise mehrheitlich aus Ostwestfalen zugereist waren, in einer der Punk-Haupstädte des Landes (siehe Slime, Hafenstraße) von Anfang an im Hintertreffen. Da war "Gitarrenschrumm" (Diedrich Diedrichsen in der Spex) die freundlichere der damaligen Umschreibungen. Vor diesem Hintergrund war textlich-literarischer Radikalismus womöglich der einzige Weg für intellektuelle Indie-Freunde, sich in diesem Umfeld etwas Respekt zu erarbeiten.

Level 2: Die Sprache

Demzufolge war die zweite Mission, die vielleicht gar keiner haben wollte, die Sprache. Eine Leistung, die ich letztlich als geglückt betrachten würde, ist, vor dem Hintergrund von Punk-Geschichte (mit dem hiesigen Sonderproblem NDW) nochmals einen Versuch zu unternehmen, die schwierige Landessprache im Pop-Kontext nutzbar zu machen. Auch in dieser Hinsicht bildete das Abstraktionsniveau der Texte ein zentrales Mittel, um den stets drohenden stilistischen Selbstmord zu vermeiden. Ob und inwieweit das tatsächlich klappt, ist natürlich wie immer Geschmackssache. Trotzdem macht man sich mit der Landessprache verständlich, zieht deswegen mehr Leute und geht weiter in Richtung Pop (wenn auch erstmal ungewollt).

Level 3: Stardom

Der nächste Schritt in Richtung Pop war dann ökonomischer Natur:
Spätestens mit dem großen Erfolg Blumfelds zweiter "L'Etat et Moi" (94) wurde die Hamburger Schule über die Szenegrenzen hinaus zu einem Schlagwort. Hilfreich könnte auch gewesen sein, dass international der von ähnlichen Wurzeln zehrende Brit-Pop genau in dieser Phase seine vielleicht größte Zeit hatte. Wurden Blumfeld anfangs noch gern als "Spex-Band" ;-) bezeichnet, verbreiterte sich die Basis nun schnell so weit, dass die subkulturellen Debatten der früheren Jahre in Vergessenheit gerieten. Zumindest Blumfeld waren damit auch aus Sicht der Massenmedien zum Pop-Phänomen geworden. Ein Status, zu dem sie sich ein halbes Jahrzehnt später dann auf "Old Nobody" auch klar bekannten- "Tausend Tränen tief" ist bekanntlich ein Radio-Hit bis heute.

Level 4: Locker bleiben?

Tocotronic kokettierten anfangs mit ihrem *ehäm* "Nachwuchs"-Status und hielten sich freundlichst aus dem Subversions-Dissidenz-Debatten-Irrsinn heraus. Schon allein, weil eh längst alles gesagt war- wer will ihnen das verübeln. Damit war die bleierne Schwere raus und dafür drin: Leichtigkeit, persönliches, Melodien- eben Pop. Genau deswegen wurden sie die Lieblinge des Abi-Jahrgangs '95 ;-) vielleicht gerade weil sie sowas nie geplant hatten.Trotzdem sind Tocotronic immer noch ziemliche Grübler, die bis heute mindestens Band-intern einen Pop-Diskurs laufen haben. Was sie heutzutage stark von denen unterscheidet, die den nächsten Schritt auf dem Weg taten:

Freiwilliger Gitarren-Pop Level 1

Wo Tocotronic (auch ohne den Distelmeyer'schen Abstraktionsgrad) noch die Welt im allgemeinen und ihr eigenes Tun im besonderen reflektieren, lässt sich natürlich auch ein Statement formulieren, indem man die philosophische Meta-Ebene einfach mal weglässt.
Auf solche Weise "roqt" ;-) es sich sogar noch unbeschwerter: Die Sportfreunde Stiller kommen zwar geographisch vom entgegengesetzten Ende der Republik, stilistisch und zeitlich möchte ich sie hier aber mal als direkte Nachfolger ansetzen. Das geht erstmal noch ganz gut als fröhliche Variante, was bei aller Sympathie aber auch der Belanglosigkeit Tür und Tor öffnet,was bei aller Sympathie aber auch der Belanglosigkeit Tür und Tor öffnet, wie angesichts stärkerer Überhitzungstendenzen am hiesigen Pop-Markt zu sehen ist.

Next Level: Alltag?

Ende der 90er lag das deutliche Gefühl in der Luft, dass die Zeit der Hamburger Schule vorbei sei: Jochen Diestelmeyer, der sich auf L'Etat Et Moi noch als Superstarfighter betätigt und über das Jet Set gespottet hatte, bekannte sich zu Pop und neuer Innerlichkeit und es hatte den Anschein, als ob die Sache ein Höhenflug von einer handvoll befreundeter Bands gewesen sei. Was ja auch keineswegs schlecht gewesen wäre, aber das stimmte noch nicht einmal auf lokaler Ebene. Dort zeigten Kante zunächst als Nebenprojekt vom damaligen Blumfeld-Member Peter Thiessen, dass noch nicht alles gesagt war.
Damals noch etwas abseits der großen Aufmerksamkeit waren auch die "kleinen" Tomte unterwegs. Übrigens dürfte dem Kommenden auch nicht abträglich gewesen sein, dass die Hiphop-Szene der Hafenstadt in der goldenen Ära des hiesigen Raps Ende der 90er vorne dabei war.
Schließlich zeigte sich, dass Hamburgs große Punk-Vergangenheit auch noch für einen Impuls gut war. Marcus Wiebusch, über die 90er mit der dortigen HC-Institution But Alive.. und auch deren Ska-Ableger Rantanplan unterwegs, betrieb ebenfalls das BA-Label und war sich nicht zu schade, zusammen mit Thees Ullmann von Tomte zu Grand Hotel Van Cleef zu fusionieren. Der Rest ist bekannt aus Funk und Fernsehen: Der erste Longplayer von Marcus' neuer Band Kettcar auf dem neuen Label wurde vom Publikum geradezu mit offenen Armen empfangen und zu einem unerwarteten Hit. Letzten Endes hatte die Hamburger Schule der 90er einem offensichtlich zahlreichen Publikum die Ohren für deutschsprachigen Gitarren-Pop geöffnet und es war wohl Zeit für etwas neues. Vor diesem Hintergrund ist es dann auch alles andere als überraschend, das Die Reklamation von Wir sind Helden nur wenige Monate später die Charts toppte.

Alles nett?

Tja- der schöngeistige Pop hat bekanntlich seine dunkle Seite. Und der Hamburger Kunstgriff, sich dem Sellout durch intellektuelle "Verrätselung der Texte" (Spex) zu entziehen, ist auch keine Lebensversicherung. Kommerziell kam dann auch das, was meistens kommt. Zuerst mit Wir sind Helden noch ein sympathischer Überraschungserfolg, danach der Angriff der Klonkrieger: Rockband mit Sängerin um jeden Preis, ab auf den Wühltisch mit Jeanette Biedermann. Andererseits: Business as usual, oder?
Obwohl ich es insgesamt schon erstaunlich finde, dass es tatsächlich von den Anfängen als norddeutscher Postcore mindestens 10 Jahre gedauert hat bis dahin. Aber spätestens in Zeiten, wo die neue Tocotronic von den Tagesthemen besprochen wird, drängen wieder die gänzlich unpoetischen Fragen auf die Tagesordnung:
Hilft es tatsächlich irgendwem, die Realität nur vom Elfenbeinturm aus zu betrachten? Wer braucht Musik, die vor klaren Positionen Angst hat? Wenn die Realität nur noch als Bilderrätsel vorkommt, ist der Hölderlin'sche Dachschaden nicht mehr fern.
Und down to earth harmoniert derartige Innerlichkeit auf's unschönste mit der "Neuen Mitte". Elitäre Lyrik für die Elitenförderung- man meditiere zumindest einmal über das Wort "Studiengebühren"...
Weiterhin möchte ich die kritischen Fragen, die Fiete Klatt in Spex (05/05) an Wir sind Helden stellte, nahtlos an Pop im allgemeinen weiterreichen: "Sind die Charts ein angemessenes Forum, um 'das Gute' zu benennen und 'das Schlechte' zu verteufeln? Wie weit bringt das einen?"
...sicherlich: Kunst lässt sich so nunmal nicht festnageln und altlinke Proklamationslyrik hilft auch nicht weiter. Trotzdem möchte ich mal behaupten, dass Kunst dann am besten ist, wenn sie in die Offensive geht. Und hierzulande besteht nach wie vor das Sonderproblem, dass poetisches Entschweben aus dem Konkreten (ob unfreiwillig oder nicht) leider nur zu schnell das Schlimmste begünstigt, wie Mia nochmal deutlich vorführten.

Abseits der großen Fragen sind die Errungenschaften der Hamburger Schule in jedem Fall die bewusste und trotzdem flüssige/stilsichere Nutzung der eigenen Sprache, plus eine geglückte Annäherung der *je nun* "Linken" an Pop. Bliebe zu hoffen, dass das nicht in die branchenübliche Vergessenheit gerät, denn noch sind einige Fragen offen.

Links

zur Hamburger Schule gibt es ganz allgemein wenige, das erwähnte Stichwort in der Wikipedia zählt da schon zu den besten.
Mehr Infos sind teilweise bei den betroffenen Bands zu finden. Zentral natürlich Blumfeld, zu denen die Schweizer Seite Skyeyliner so ziemlich alles wünschenswerte liefert (alle Spex-Artikel, die je über Blumfeld geschrieben wurden ;-)
Ich greife hier mal die 3 Links raus, die mir in diesem Zusammenhang am besten gefallen haben:
Kerstin Grether schreibt über L'Etat et Moi und zieht die Linie zum Ursprung: Macht verrückt, was euch verrückt macht. Eine schöne Beschreibung der Szenerie von 1994.
Eine böse Abrechnung mit Diskursrock im allgemeinen und Blumfeld im besonderen aus jungle world, anlässlich von Old Nobody 1999
Und ein wunderschön selbstironischer Eindruck eines bekennenden Alt-68ers von "Jenseits von Jedem". Solche realistischen Betrachtungen von außen finde ich immer wieder sehr nett und nützlich. Aber leider wird das real existierende Pop-Biz wohl verhindern, dass allzu viele Alte die Zielgruppe im Marktsegment irritieren...

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