[Grunge]

Mythos I: Anno 1991

Nur für naive Charts-Konsumenten brach in diesem Jahr eine Invasion von Underground-Rockern herein (ein Goldrausch, der die Visions-Macher möglicherweise zur Gründung ihres Blättchens veranlasst hat...) aber Hardcore- und Independent-Fans wunderten sich im Spätsommer 91 nicht schlecht, was da für ein langhaariger Typ mit Flanellhemd und Mili-Hose durchs mtv-Publikum segelte- Eddie Vedder? Nie gehört... (war das nicht der Typ vom Großstadtrevier? :o) Kein mensch kannte diese Combo, deren Name neben den schmuddeligen Mudhoney ziemlich nach Schickimicki-Marketing klang: Pearl Jam- und diese Leute, die zuvor kein Mensch je live gesehen hatte, kassierten jetzt die ganze Kohle? Das war mal wieder typisch...
...obwohl der Fairness halber gesagt sein muss, dass sich ja beim näheren hinsehen rausstellte, dass Stone Gossard kein ganz unbekannter war: Aber könnte es sein, dass Green River (1987?) gerade deswegen auseinander fielen, weil Mark Arm (danach Mudhoney) lieber unkommerziell bleiben wollte, während der damals mehr dem Hairspray-Metal zugeneigte Stone Gossard lieber Guns'n'Roses nacheifern wollte (mit Mother Love Bone)?
Immerhin: Mit diesem Kapitel hatten Gossard & Co. gründlich abgeschlossen- da waren andere weniger konsequent. Denn sich einen passenden Crossover-Frontmann einzukaufen, war damals eine beliebte Strategie. Faith No More praktizierten das gleich zweimal und auch die Schnarch-Metaller von Pantera fuhren noch Jahre später recht gut damit.
Aber nochmal zurück zu Green River: In deren umfeld soll ja laut Jonathan Poneman (Sub Pop) erstmals die Idee aufgekommen sein, diese spezielle Crossover-Richtung als Grunge zu bezeichnen. Was zeigt: In der Szene war Grunge 1991 längst kalter Kaffee- spätestens, nachdem die Spex anno 89 Mudhoney auf dem Titelblatt hatte, war das Thema auch hierzulande eigentlich durch. Schon ein Jahr später war das Sub Pop-Package mit Mudhoney, Tad und Nirvana (damals die Kleinen- dig that!) alles andere als der Knaller der Konzert-Saison. Der unerwartete Warp-Antrieb war 91 wohl eher die Tatsache, dass die Musikindustrie damals auf der Suche nach neuen Gesichtern für ihre Rock-Sparte war und kräftig in Studio-Produktion und Marketing investierte. Nur so ist wirklich erklärbar, warum Pearl Jam ohne jeden Rückhalt in "der Szene" (außerhalb von Seattle selbst) plötzlich zu Weltstars wurden.
UInd damit in Zukunft auch der Rubel massenhaft rollt, war es nötig, den "neuen" Party-Sound vom abschreckend pornographischen Titel Hardcore zu befreien- da klingt "Alternative" doch viel sympathischer...
Der selige Kurt würde es wohl auch so sehen wie Mark Arm- denn der kommentierte die Tatsache, dass Nevermind mit Lichtgeschwindigkeit gold ging nüchtern: "Eigentlich war das der Anfang vom Ende."
Was bei den Visions-Pilgern auf spürbare Verwunderung stieß, denn die wollten lieber noch mehr Mythen: Grunge-Mythos II: Sub Pop.

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