Die Grunge-Pilger

Immer noch...

scheint manchen Zeitgenossen die Entwicklung, die Grunge von einer Underground-Sportart zum Medien-Hype machte, völlig rätselhaft zu sein- vornehmlich solchen, die gern ihre Superstars beklatschen und sich wenig für die Hintergründe interessieren.
Ich traute tatsächlich meinen Augen kaum, als die Chef-Etage des Hochglanz-Fanzines "Visions" noch anno 2001 allen Ernstes zur Pilgerfahrt nach Seattle aufbrach (Ausgabe 11/01).
Immerhin wurde nochmal unfreiwillig deutlich der Mechanismus demonstriert, der Grunge für manchen Rocker fast zur Religion, mindestens aber einen leicht depressiven Menschen namens Kurt Cobain zum Säulenheiligen machte (was diesen bekanntlich zum finalen Kopfschuss trieb) und ein verregnetes Provinznest des amerikanischen Nordwestens namens Seattle zum Mekka stilisierte. Zumindest für diejenigen unter den Rockschreibern, die sich dieses Phänomen überhaupt nicht erklären konnten. Aber gerade die haben ja auch kein Interesse an allzu viel Aufklärung, weil sich die Altarbilder immer mal wieder Auflage-steigernd abstauben lassen...
Eigentlich kaum verwunderlich, dass sich die Visions-Typen bei derartig quasi-religiöser Verblendung in der Kathedrale verlaufen. Bzw. schlicht den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen- anders kann ich mir jedenfalls nicht erklären, wie es kommt, dass man tatsächlich mit zentralen Figuren der damaligen Zeiten spricht (Jack Endino, Jonathan Poneman, Mark Arm, Stone Gossard, etc. pp.), von denen auch die Fakten geliefert bekommt und dann nicht für 2 Cent in der Lage ist, diese richtig einzusortieren.
...it's a dirty job but someone's got to do it:
Weil sich anscheinend tatsächlich (zumindest laut Suchmaschine) keiner findet, der ihn tut, mach ich es halt selber. Denn dieses dumpf-religiöse Helden-Dingens geht mir doch gewaltig auf den Keks (stand nicht schon in der Bibel, dass aufgeklärte gläubige nicht ums goldene Kalb hüpfen sollen?). Und mal so ganz allgemein finde ich es keineswegs schädlich, etwas so zentrales wie *hüstel* Pop-Kultur zu verstehen. Also werde mich ich mal der unerfreulichen Aufgabe unterziehen und ein paar eklatante Visions-Blüten kommentieren. Ist auch medien-technisch mal wieder ganz lehrreich- denn offensichtlich muss man sein Thema nicht verstehen, um damit Geld zu verdienen...
Also weiter zu den Grunge-Legenden.

Anderer Meinung?