Der lange Marsch von Black Flag

Pioniertaten von und mit

SST

SST ist einer der sehr seltenen Ausnahmefälle, die tatsächlich einen Blick auf den Kern des Geschehens ermöglichen (andere derartig stilbildende Labels des 20. Jahrhunderts ausfindig zu machen ist ganz nebenbei ein schönes Projekt, das ich hier mit Sicherheit weiter verfolgen werde). Hier geht es um den Entstehungsprozess der aktuellen Rockmusik- nicht mehr und nicht weniger. Da ist das SST-Label ein sehr typisches Beispiel für die zentrale Linie der 80er: Erweiterung der Punk-Roots durch crossover. Auf dieser Schiene war SST in den späten 80ern durchaus "legendär", weil im Vergleich mit anderen Indies höchst erfolgreich (außer Sub Pop vielleicht, aber das ist eine andere Geschichte).

Visions inside SST

Das hierzulande populäre Rock-Fanzine behauptet sowas nur- in Sachen SST geht es um die echten. Das sind hier die Visionen der Black Flag-Gründer Greg Ginn und Chuck Dukovsky. Ganz dem nach wie vor punkigen Zeitgeist entsprechend benannten sie ihr Label nach einem militärischen Überschall-Flugzeug (bei der Air Force "super sonic transport"). Ginn & Dukovsky hatten tatsächlich eine Vision im idealtypischen Sinne: Von einem zeitgemäßen Rocksound auf der Basis der Punk-Energie, mit allen Möglichkeiten der artverwandten Richtungen.
Was anderswo Legenden sind, ist im Falle von SST durchaus als Tatsache zu betrachten. Der nahezu schlafwandlerische Instinkt der Macher für kommende Sachen ist nach wie vor erstaunlich. Sie hatten frühzeitig alles unter Vertrag, was wenig später die Rockmusik revolutionierte (dochdoch- ich glaube, das kann man rückblickend schon so sagen). Da waren mit Soundgarden und Screaming Trees die erste Grunge-Combos am Start- und das lange bevor ein paar Homies aus der nordöstlichen US-Provinz beschlossen, dieses Wort für die Rock-Bands ihres lokalen Kleinlabels (das sie Sub Pop nannten ;-) zu verwenden. Des weiteren Funk-Pioniere, Metal-Erneuerer der Hardcore-szene und spätere Rockstars wie Dinosaur Jr./J. Mascis, Henry Rollins oder Sonic Youth.
So entstand seit ca. 1980 in jahrelanger Kleinarbeit eins der einflussreichsten Independent-Labels jener Zeiten. Genau genommen ist es das aufrgrund des späteren Massenerfolges der Beteiligten wohl bis heute, aber es zeigt sich ein typisches Muster des Musikmarktes: Was mit "Blut, Schweiß & Tränen" ;-) von Fans für Fans aufgebaut wurde, wird bei erreichen bestimmter Umsatzzahlen von der Musikindustrie weggekauft, die zu solcher Art Marktentwicklung unfähig ist.
Vor diesem Hintergrund sind Aufstieg und Fall von SST charakteristisch für viele(s), nicht nur in der *je nun* "Rock-Szene"- obwohl sich SST's Back-Katalog fast schon als eine Art "who is who" der großen Indie-Zeiten lesen lässt.

Grund genug, mal einen genaueren Blick auf diese Denkfabrik zu werfen:

Anderer Meinung?