::Buch::

Deep in Techno

Marcel Feige

Deep in Techno ist die Erzählung von der großen Techno-Hysterie und wie es dazu kam. Als Mitgründer von Raveline und Deep hat Marcel Feige wahrlich tief drin gesteckt und schüttet hier geradezu sein wissen unters Volk. Auch wenn er im wesentlichen aus Fan-Perspektive schreibt, hat er mit geradezu wissenschaftlicher Akribie seine Quellen dokumentiert. Und das sind netterweise zu 99% Fanzines.
Marcel Feige versammelt Berge von Infos zu den Entstehungszusammenhängen in Detroit, über den Berliner UFO-Club hin zum Loveparade-Imperium, die es sonst in dieser Form nirgendwo zu finden gibt. Der Schwerpunkt von Deep in Techno liegt aber auf der Entwicklung hierzulande und das ist auch gut so. Denn es war dem breiten Publikum schon in den 90ern kaum bekannt, dass sich im Hintergrund der dem Anspruch nach so friedvollen Veranstaltung namens Loveparade so manches tat, was mit love nicht das geringste zu tun hatte (und so mancher Pionier alsbald "Mayday" funkte ;-)
Marcels größter Verdienst liegt für mich in der schonungslosen Aufdeckung des Sellouts, der deep in Techno mit nie dagewesener Systematik von ebenjenen betrieben wurde, die eben noch die Revolution ausgerufen hatten. Hier dokumentiert Marcel Feige Massen von Fakten und Aktivitäten in einer Offenheit, die sonst in der Szene nicht zu finden ist. Denn zur Hyper-Kommerzialisierung wird bis heute dort gern betreten geschwiegen.
Das alles versucht Marcel Feige die Lesenden 1:1 miterleben zu lassen: Deep in Techno lässt alles im Gegenwartstempus vorbeiziehen und reiht in chronologischer Folge Fakten und Legenden, Gossip, Statistiken und Marktanalysen. Dadurch liest sich alles flüssig und spannend, aber für meinen Geschmack gleitet es streckenweise zu sehr in "naives" (Marcel ist alles andere als das) Bestaunen von Highlights ab. Das mag der gemeine Fan auf der Straße damals auf genau diese Weise empfunden haben, aber wer nicht so "deep" drin war, kann das inzwischen nicht mehr nachvollziehen. Vor allem verschenkt es einen wichtigen Vorteil, den die heutige Perspektive nunmal hat: Den Blick für die Zusammenhänge und Entwicklungslinien. Alles regnet geradezu auf dich nieder und wer nochmal nachvollziehen will, wie es z.B. zur Frontpage-Pleite kam, sucht sich schlicht einen Wolf (zumal leider auch ein Namensregister fehlt). Schließlich glückt das stilistisch auch nicht so locker, wie das ein Hans Nieswandt aus dem Ärmel schüttelt.
Als härtester Kritiker der Fan-Perspektive erweist sich Ex-Frontpage-Chef Jürgen Laarmann, der im Interview hohepriesterliche Ungnade zur Schau stellt und trotzdem nahezu aus dem Stehgreif mit wenigen Sätzen fast mehr Durchblick präsentiert, als es Marcels Auflistung der Geschehnisse liefern kann. Trotzdem: Der schüchterne Fan zu Besuch beim Ex-Papst- ein heiteres Stück Realsatire. Es zählt für mich zu den Stärken von Marcel Feige, dass er dies nicht beschönigt oder gar verschweigt.
Aber ich will nicht noch weiter herumnörgeln, denn eigentlich liefert Deep in Techno in voller Breite so ziemlich alles, was es zur Hyper-Inflation von Techno zu wissen gibt. Marcel verschweigt nichts und lässt vor allem auch die Kritiker ausführlich zu Wort kommen. Gerade wo so etwas immer allzu schnell in Vergessenheit gerät (weil bekanntlich die Sieger die Geschichte schreiben), ist das ein nicht zu unterschätzender Verdienst.
Kurz gesagt: Wer Deep in Techno liest, versteht was gespielt wurde. Und das ist nun mal das Beste, was sich über ein solches Werk sagen lässt.
(Auch wenn es für Bernis persönliche Hitliste der "besten Bücher der Welt" nicht ganz reicht ;-)

Anderer Meinung?