Loveparade

Szenen eines Abstiegs

Die Loveparade war das Symbol für eine der größten Hoffnungen der neueren Musikgeschichte und mittlerweile weint ihr keiner mehr eine Träne nach. Verraten, missbraucht, ausgepresst- es fällt schwer, nicht auch noch Rotlichtvergleiche zu bringen, denn hier zeigt sich die dunkle Seite von Pop schwärzer als irgendwo sonst in dieser Galaxie.
Als die Loveparade 2004 erstmals abgesagt wurde, war dies zumindest in den bürgerlichen Medien noch Anlass, sich ein wenig mit den Gründen zu beschäftigen. Im E-Sektor selbst herrscht nicht erst seit gestern betretenes Schweigen- ernsthafte Mags wie debug erwähnen die Loveparade seit Jahren mit keiner Silbe. Zu extrem war der Missbrauch, den die Organisatoren mit den ursprünglichen Ideen betrieben- angetreten, um die Welt zu verändern, endete die idealistische Veranstaltung nach kurzer Zeit als Symbol für einen der umfassendsten Sellouts der Musikgeschichte. Nachdem sich Techno-Pioniere wie z.B. Tanith (der dabei nicht an massiver Kritik sparte, wie Marcel Feige neben vielem anderen berichtet) recht frühzeitig zurückzogen, kam es bekanntlich alsbald zunächst zu einer Gegenveranstaltung ("Fuckparade") und schließlich zum allmählichen Abstieg, der nach dem Entzug der Sonderrechte durch die Stadt Berlin schließlich in der Pleite endete.

Loveparade.biz

Als einer der wenigen internen Kritiker mochte sich in diesem Jahrzehnt der allseits geschätzte Hans Nieswandt in seinem Buch PlusMinus 8 nochmal am Rande zum Problem Loveparade und Ausverkauf äußern:
"Anderweitig nicht finanzierbare Performances internationaler DJ-Ikonen in diskreten Clubs waren eine Sache, die man als werbliche Einmischung in die Kultur zähneknirschend akzeptieren konnte. Öffentlich auf der Straße hinter dem Zigarettenwagen herzumaschieren fand ich dagegen völlig würdelos. In diesen Jahren ging in Deutschland fast niemand mehr für irgendwas auf die Straße. Und jetzt sollte man ausgerechnet für Kippen demonstrieren, mit Deppentechno und nacktem Bauchnabel." (Und er spricht an dieser Stelle von der Mitte der 90er...)

Für Idealisten war besonders bitter, dass dieser Ausverkauf von Leuten betrieben wurde, die zuvor einiges für die Kultur geleistet hatten. Die Eigentümer der GmbHs mit Namen Loveparade, Mayday und Technomedia waren diejenigen, die noch relativ kurz vorher die Revolution ausgerufen hatten- am lautstärksten Westbam, der von Anfang für die griffigen Parolen zuständig war: Drückte er zunächst noch mit "Disko Deutschland" und "No more fucking Rock'n'Roll" die Aufbruchstimmung aus, brachte er bereits 1994 den Sellout gegenüber dem Wirtschaftsblatt "Forbes" mit der Frage "Welche Revolution will schon ins Reservat?" auf den Punkt. Marcel Feige zitiert die trockene Beschreibung der Loveparade-Organisatoren aus dem Techno-Fachblatt "Penthouse" ;-)
Die Loveparade 1995 war "(...)gesteuert durch die Zeitschrift Frontpage, Mayday Crew und Low Spirit Production, hinter denen die Geschäftsleute William Röttger und Jürgen Laarmann die Fäden ziehen (...) Kohlescheffler, die damit prahlen, Techno etabliert zu haben. Jahresumsatz: 5 Millionen Mark."

Loveparade & das Schweigen

Mag sein, dass das folgende Schweigen der Szene auch daran lag, dass auf solche Weise eigentlich schon alles gesagt war und Leute, für die Musik und Kultur kein Spekulationsobjekt waren, ab Mitte der 90er nach anderen Wegen suchten.
Vor diesem Hintergrund waren es dann bürgerliche Medien, die während der letzten Jahre die Berichterstattung zur Loveparade übernahmen. Die "Hannoversche Allgemeine Zeitung" vermerkte zur Loveparade 2002:
"Der Spaß, den die meisten Loveparade-Fans heute wieder haben werden, erinnert mehr an den Ballermann als an Revolution. Man sollte sich als Fernsehzuschauer nichts vormachen lassen: Unten auf der Paradenstrecke regieren nicht Rücksicht und Liebe, sondern die Trillerpfeife, der Ellenbogen und die Bierdose. Die Kameras zeigen knapp bekleidete hübsche, junge Leute mit diesem exotisch-extremen Partyflair. Das sind meist bezahlte Gogo-Tänzer. Die wenigsten Normalsterblichen erscheinen in Kostümen. Spätpubertäre Ballermänner ziehen mit Wasser-Pumpguns umher."

Im Netz trägt die Situation ähnliche Charakterzüge: E-Fanpages und Mags verfassen bestenfalls Randbemerkungen- die Chronologie der Absage 2004 wird immerhin noch vom ehemaligen Techno-Hauptquartier in dürren Stichworten dokumentiert. Hintergründe und Kritikpunkte werden von der "Welt" oder "FAZ" geliefert, die mit Jürgen Laarmann einen ehemaligen Wortführer befragte, während selbst Marusha im "Stern" nichts freundliches mehr zu sagen hatte. Wie gesagt: Solche Berichte kamen seit Jahren nur noch von außen.

Die zweite Absage 2005 wird auch dort fast überhaupt nicht mehr kommentiert. Aber nachdem die Marke Loveparade zum Exportschlager geworden ist (wie von der ansonsten kaum aktualisierten Homepage verkündet wird), scheint eine zukünftige Neuauflage nicht völlig unwahrscheinlich, aber nach der Entwicklung der letzten Jahre dürfte das höchstens noch Freunde des Sommer-Karnevals interessieren...

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