::Deppentechno::

Fuckin' T-Word

So verfluchte Derrick May bereits Ende '94 die Wortschöpfung und ergänzte: "Techno bedeutet auf einmal nicht mehr Innovation und Pioniergeist, sondern nur noch 150bpm, Piano-Geklimper und bum bum bum. Das hat mit der eigentlichen Idee von Technomusik nichts mehr zu tun".

Dieses bittere Fazit beleuchtet die Situation, in der sich Techno befand, kaum dass er richtig durchgestartet war- 5 Jahre nach der ersten Loveparade war schon alles vorbei. Stilitstisch jedenfalls, kommerziell ging noch so einiges- noch...
Derrick May war mit dieser Einschätzung bei weitem nicht allein, vor allem die Detroiter Techno-Pioniere waren schlicht entsetzt über das, was hierzulande aus ihrem Sound geworden war.
Ein paar O-Töne- man beachte das Jahr:

Schlussworte 1994

Eddie Flashin Fowlkes:
"All diese Ursprünge sind verschwunden, man wird wie Marusha oder die Mayday-Party. Die Musik ist zwar da, aber sie hat keinerlei Substanz, das ist Musik ohne Eier".
Blake Baxter:
"Das schlimmste Beispiel dieser Art habe ich übrigens hier in Deutschland gehört: Scooter oder so ähnlich hieß der Müll. Jeder Idiot kann heutzutage Rave-Sounds produzieren ohne besonders nachzudenken" ;-))
Daniel Bell:
"Ich muss mir diese Mark-Oh-Platte kaufen, sonst glaubt mir das da drüben keiner" ;-)
Und aus hierzulande:
Jörg Burger (a.k.a The Modernist):
"Das wirklich neue an Techno, dass der Raver, der zu den Platten tanzte, sein eigener Star war und keinen Elvis oder Phil Collins oder wen auch immer brauchte, um sich selbst zu überhöhen, ist leider Geschichte. Technoland ist als Urlaubsland für Stern-Feuilletonisten und Pauschalreisende erschlossen".

Pionier-Unternehmer

Selbst Jürgen Laarmann als Inhaber des Warenzeichens Loveparade und der Unternehmensgruppe Technomedia GmbH einer der Hauptverantwortlichen der Hyper-Kommerzialisierung zog (wenn auch Jahre später) ein galliges Fazit:
"Es gibt wenige Ideen, wenige Visionäre, wenige gute Promoter, unglaublich schlechten Geschmack, mieses Design und schlimme Bilder- damit möchte man ja eigentlich sogar als normaler Mensch nichts zu tun haben." (Im Interview mit Marcel Feige).
Laarmann weiter:
"Techno hat sich in diesem Fall am schnellsten selbst überholt- will heißen: Techno hat gemacht, dass es nicht mehr Techno sein muss, capito?!"
Mal abgesehen vom offensichtlich typischen Stil (die Spex hat Laarmann mal als "Techno-Gröfaz" bezeichnet ;-) illustriert das nochmal, was wohl die Diskussion und Verarbeitung des Ausverkaufs bis heute schwierig macht: Der Sellout wurde von "der Szene" selbst forciert und genau von denen betrieben, die Techno anscheinend bis heute am besten Verstehen, weil sie von Anfang an dabei waren.
Die Reaktion im E-Sektor war nachvollziehbar- es sprach kaum noch jemand darüber, Techno wurde in der zweiten Hälfte der 90er zum Unwort, mit dem ernsthafte Musiker nicht mehr in Verbindung gebracht werden wollten.

Schweigend weiter

Damit entstand nebenbei noch ein ganz anderes Problem, dass einen Seitenbetreiber wie mich bis heute beschäftigt: Ein ziemlich praktischer Oberbegriff zum Einsortieren von Musik ist kaputt und es gibt keinerlei vernünftigen Ersatz. Selbst "the originator" Juan Atkins spricht umständlich von "elektronischer Tanzmusik" (de:bug 04/05). Andererseits dokumentiert sich so auch die real existierende Zersplitterung in Sub-Subkulturen, die sich seit jenen Tagen untereinander zumeist nicht sehr viel zu sagen haben.

Allerdings ist vor diesem Hintergrund mal wieder recht spannend, dass es trotzdem weiterging mit Techno, auch die Beteiligten das T-Wort lieber vermieden. Es ist wohl kein Zufall, das gerade Mitte der 90er einige neue Labels im hiesigen Sektor entstanden, die sich recht schnell einen Namen machten: Profan, Kanzleramt, Basic Channel, Chain Reaction, Disko B- hier wurde über die Jahre im Vergleich zum vorigen Lautsprechertum angenehm unaufgeregte Basisarbeit geleistet, die mittlerweile dazu geführt hat, dass freundliche Leute wie Ada oder Ricardo Villalobos nicht nur unverkrampfte und spannende Sounds produzieren, sondern damit auch äußerst erfolgreich sind. Spätestens, wenn de:bug sich aufmacht, um höchstselbst in Detroit mit den Pionieren zu sprechen (Ausg. 04/05), dürfte die schlimmste Zeit von Techno wohl langsam zuende gehen ;-)

Übrigens ist die Rückeroberung von Techno eine Geschichte, von der hier beizeiten auch noch die Rede sein soll (wenn ich genug Zeit habe und/oder mir passendes Material vor die Füße fällt ;-) Bis dahin: Wer gute Links dazu kennt oder sogar selbst was dazu schreiben könnte- gib Schub!

Anderer Meinung?