Nein, es soll auf dieser Seite nicht nur um das Tagesgeschäft gehen: Dies ist ein Teil einer zunächst mal losen Serie von Besprechungen einflussreicher oder gar stilbildender Sachen, die ich mangels momentaner Masse erstmal hier einstreue.


Helmet

Meantime

Amphetamine Reptile/Interscope
1992

Die zweite Helmet erschien im Jahr der Hyperinflation von Grunge. Nirvana hatten selbst Michael Jackson hinter sich gelassen und sogar das naive Mainstream-Publikum merkte, dass dies ein neuer Sound war, obwohl es für viele Pop-Konsumenten wie Heavy Metal wirkte. Paradoxer Weise sahen Nirvana selbst das auch so, denn sie hatten sich schließlich auch einen bekannten Producer dieser Richtung an die Regler geholt: Andy Wallace. Und noch paradoxer: Es gibt bis heute Traditionsmetaller, die der Meinung sind, dass Grunge dem Metal schwer geschadet hätte.
Ob es Absicht oder Zufall war ist mir leider nicht bekannt, jedenfalls wurde Andy Wallace ein Jahr nach Nirvana's Durchbruch auch von Helmet für Meantime verpflichtet- heraus kam wieder ein Meilenstein. Denn Helmet, die vorher eher weitläufig im Hardcore anzusiedeln waren, glückte hiermit tatsächlich der Startschuss zur Erneuerung von Metal. Oder sagen wir mal: Der Start von dem, wo findige Marketing-Strategen wenige Jahre später das Etikett Nu Metal draufklebten. Es gelang, die Sounds des Hardcore-Undergrounds der 80er (vor allem der Bad Brains) noch weiter zu komprimieren und so Metal auf den Weg zu bringen, der mit den überzüchteten Klischees des 80er-Metals nichts gemein hatte. Keine Möchtegern-Helden in Lederkluft und toupierter Frisur, keine Verstärker-/Boxen-Türme und auch kein Kastratengesang. Im Gegenteil: Typen von Nebenan, die in schlichter Freizeitkleidung (pardon: Sportswear ;-) auf die Bühne gingen. Come as you are- die alte HC-Maxime...

Helmet-Mastermind Page Hamilton hatte offensichtlich vieles aufgesogen, was in seiner Heimatstadt New York passierte. Und die stand in Sachen Hardcore über die 80er besonders für Metal-Crossover. Obendrein war hier bekanntlich von Def Jam unter der Ägide des Metal-Fans Rick Rubin die zweite Hiphop-Generation mit besonders massiven Grooves aufgebrochen (wer Public Enemy mal live sehen konnte versteht, warum deren DJ Terminator X genannt wird). Das vor diesem Hintergrund einiges gehen kann hatte schon 1989 die afroamerikanische Hardcore-Band Bad Brains gezeigt, deren Album Quickness eine vergessene Pionierleistung ist. Dort findet sich erstmals genau das, was Jahre später als moderner Metal selbstverständlich wurde: Fette Grooves, die ohne Hiphop nicht möglich gewesen wären unter einer massiven Gitarren-Wand, der jegliche Klischee-Sounds fehlten. Über Jahre hinweg das Maximum an Durchschlagskraft. Bis Helmet mit Meantime kamen. Wenn die Bad Brains nicht noch 89 auf der Quickness-Tour zerbrochen wären, hätten sie wohl verdienten Ruhm genießen können.

Meantime knüpft 3 Jahre später ziemlich präzise da an, wo Quickness aufgehört hatte. Aber Page Hamilton hat keineswegs stumpf abgekupfert, sondern die Schraube hier tatsächlich noch ein Stück weitergedreht. Die Grooves noch kantiger und das Gitarren-Brett noch einen Zacken fetter- alles scheinbar (!) schnörkellos auf den Punkt ohne viel Schickimicki. Es klingt bis heute wie absolut stures Stück Hartware- eins der Highlights heißt wohl nicht umsonst "Ironhead"...
Aber die Straightness ist nur scheinbar- die künstlerische Meisterleistung glückte Page Hamilton nämlich auf unterschwellige Art und Weise: Er jubelte dem headbangenden Publikum tatsächlich höchst komplexe Strukturen unter, wie sie nur jemand mit reichlich Jazz-Erfahrung hinbekommt. Polyrhythmen weit jenseits des 4/4-Taktes und Gitarren-Riffs, die sich oft erst dann als hinterlistig entpuppen, wenn man sie mitzuzählen versucht. Jazz zu dem du headbangen kannst- das ist bis heute eine einsame Meisterleistung. Das führte dann leider dazu, dass eine mittlerweile fast Pleite gegangene Handelskette den Meantime-Nachfolger Betty mit dem Satz bewarb: "Der Metal des denkenden Mannes".
Abseits solcher Peinlichkeiten blieben Helmet anno 92 erstmal weit vorn: Alle anderen, die bald darauf im Metal mit fetten Grooves und massiver Gitarrenwand für frischen Wind sorgen sollten (ob nun Pantera oder Machine Head, Fear Factory, Biohazard,...) kamen entweder später oder reichten noch nicht an dieses Level heran.
Für mich ist Meantime genau deswegen große Kunst, weil es keine sein will. Kurz gesagt: Eine Jahrhunderplatte.

Anderer Meinung?