Crossover-Feedback III

Grunge killed Metal?

Wir schreiben das Jahr 2004- da fragt Rock Hard-Chef Götz Kühnemund Dave Grohl im Interview (02/04) zu seinem Probot-Projekt sehr ernsthaft zu dem, was für ihn nach über 10 Jahren immer noch ein unverdautes Problem zu sein scheint: Dass Grunge für die "Ausrottung" großer Teile der Metal-Szene verantwortlich sei (oops... ??)Und der merklich erschrockene Dave (als ehemaliger "Haupttäter" ;-) beteuert sofort, dass sie niemals derartiges im Sinn gehabt hätten.
Wieder mal ein Beleg dafür, dass das Pop-Biz nicht halb so schnell ist wie es selbst meint. Ansonsten fragt man sich als betroffener Zeitgenosse, was denn da genau los gewesen ist?

Vor dem Hintergrund der Crossover-Geschichte vermute ich mal sowas:
Der große Grunge-Hype markiert den (kommerziellen) Höhepunkt dessen, was Hardcore mit seiner Crossover-Strategie losgetreten hat. Damit wurde auch für Massenpublikum und -medien, die sich sonst nicht um irgendwelche Subkulturen scheren, ein "neuer" Sound offensichtlich. Gleiches gilt für dogmatische Altmetaller, die alles vermeintlich "primitive" mit Ignoranz strafen.
Nun ja- und die üblichen Massenmarkt-Effekte gingen wohl in diesem fall zu Lasten von Metal: Für naive Charts-Konsumenten war und ist alles, was irgendwie fett und nicht so recht Punk zu sein scheint, schlicht Metal (war seinerzeit heiter anzusehen, wie Leute, die eben noch a-ha gehört hatten, plötzlich in Flanell unterwegs waren und zu "Teen Spirit" die Fäuste schwangen, als ob sie morgen in den Golfkrieg müssten ;-) Vor allem konnte Grunge damit kurzzeitig das wichtigste Bedürfnis am Pop-Markt befriedigen: Die Vorstellung, irgendwie total neu & hip zu sein.
Der "Come as you are"-Style tat ein übriges, um Berührungsängste abzubauen und die Sympathiewerte rauf zu bringen- du musst kein verkleideter Klon-Krieger mehr sein...
Dave Grohl zu Rock Hard: "Wir waren einfach menschlicher als diese Superstars", die von "Blondinen, schnellen Autos, Kokain und Rock'n'Roll-Nächten in Hollywood" sangen und stellt fest: "Offenbar gab es viele Kids, die mit dieser Fantasie-Welt ebenfalls nichts anfangen konnten".
Was bekanntlich so endete, dass Nirvana in eine Liga aufstiegen, die fast allen Metal-Bands außer Metallica bis heute verschlossen bleibt. Das ist letztlich eine Niederlage, die Traditionsmetaller anscheinend bis heute schmerzt (um beim Fussball zu bleiben: Das Wembley-Tor sozusagen ;-)

Nebenkriegsschauplatz:
Wie auch im Wikipedia-Artikel zu Nu Metal anklingt, ist seit jenen Tagen der zentrale Kritikpunkt von Traditionsmetallern an den neuen Sounds, dass diese "primitiv" seien. Und wenn man so oberflächlich ist, Minimalismus pauschal als primitiv zu bezeichnen, stimmt das sogar. Je konservativer die eigene Haltung zu "klassischem" Metal (was immer das auch sei), desto mehr Schluckbeschwerden verursacht Crossover anscheinend bis heute. Für Vertreter dieser Metal-Schule ist bekanntlich spieltechnische Artistik zentrales Kriterium für ihren Sound (böse formuliert geht es also um Heldentum an der Gitarre ;-) was auch die Geistesverwandschaft zu Prog-Rock bildet, die im Moment gerade besonders boomt.
Da scheint es auch hier wertvoll zu sein, sich näher mit der Kunstform Minimalismus zu beschäftigen (in der bildenden Kunst gibt es sogar "Primitivismus" - dig that!), wozu mir allerdings momentan die Zeit fehlt. Bis auf weiteres reicht auch ein Stichwort: Helmet ;-)
Nicht das langweiligste Lehrstück aus dem Showbiz, wie ich finde- und überlasse dem Kollegen Hardcore (r.i.p.) damit das Schlusswort:
It's more than music!

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