Krautrock?

Ton Steine Scherben


In jenen Anfangstagen der deutschen (Rock)Musik waren Ton Steine Scherben so underground, dass sie nie so recht unter Krautrock einsortiert wurden- was ja auch kein Nachteil ist ;-) Aber allein die Tatsache, dass die Söhne Mannheims erst kürzlich "Mein Name ist Mensch" wieder bis ins Musik-Fernsehen drückten zeigt mehr als deutlich, dass der Einfluss von Ton Steine Scherben hierzulande immer noch groß ist.
Wohl nicht zuletzt aufgrund ihrer politischen Radikalität blieb Ton Steine Scherben gar nichts anderes übrig, als vom Start weg ihre Scheiben selbst raus zu bringen. Bekanntlich ein Ansatz, der erst 10 jahre Später nach Punk 77 wirklich populär/bzw. weltweit notwendig wurde. Und schon damals für Stilbildung nützlich war: Das zusammengetackerte Pappdeckel-Cover des Erstlings Warum geht es mir so dreckig? ist seitdem Legende. Ebenso, wie die Idee, bei "Wenn die Nacht am tiefsten" auf Pappe ganz zu verzichten, die Innenhüllen direkt zu bedrucken und alles in praktische Klarsichthüllen zu tüten (und nebenbei konsequente Kostenminimierung, wie sie die planetare Musikindustrie auch 30 Jahre später immer noch nicht gelernt hat ;-). Das war d.i.y. lange bevor der Trend auf den britischen Inseln geboren wurde.
Und sound-technisch: Besonders für den konsequent minimalistischen Rock des Erstlings gilt das gleiche wie für Monster Movie von Can: Erst nach der Punk-Revolution wurde deutlich, dass hier etwas sehr Zeitloses geglückt war.

Erwähnenswert ist auch, dass Ton Steine Scherben ihr David Volksmund-Label in den Dienst von Gleichgesinnten stellten und zusammen mit anderen dann April gründeten, dass wenig später in Schneeball umbenannt wurde (deren Website ist übrigens das Musterbeispiel dafür, wie man es nicht machen sollte...) Die Gleichgesinnten zu jener Zeit waren waren Jazz-Rocker- als Komponisten "komplizierter Musik" kommerziell ebenso chancenlos wie politisch Linksradikale. Populärste Vertreter waren die seit den späten 60ern aktiven Embryo, gefolgt von Missus Beastly und Munju, um mal die Bekanntesten zu nennen.
Diese Combos hatten ihre große Zeit in der studentisch geprägten Öko-Bewegung der späten 70er, weshalb die nachfolgende Punk-Generation arge Verdauungsbeschwerden mit der streckenweise etwas naiven Gemütlichkeit des Sounds hatte. Etwas zu unrecht, wie ich inzwischen finde.
Wer mit Jazz grundsätzlich keine Probleme hat, kann auf den früheren Veröffentlichungen dieser Szene den Kraut-Ansatz im besseren Sinne vorfinden: In recht verschrobener Eigenwilligkeit glänzende Sounds, die anderswo auf dem Planeten so nie zu hören waren. Programmatisch vielleicht "Miles along the watchtower" von Missus Beastly's "Dr. Aftershave & the mixed Pickles"-Album, das definitiv an den Miles Davis der "Live evil"-Phase andockt (obwohl von Hendrix eher nichts zu hören ist ;-)
Aus heutiger Perspektive aber alles in allem der sprichwörtliche nette Versuch: Streckenweise hübsch, aber folgenlos und (abseits des Grünen-Umfeldes) ebenso in Vergessenheit geraten, wie der rohe Sound der frühen Jazz-Rock-Phase im globalen Maßstab. Auch so ein Thema, dem ich mich hier beizeiten annähern werde...

Und noch:
Krautrock-Links

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