Prog Rock?

Frank Zappa

Der Anarcho-Komponist

Eins tat Frank Zappa zeitlebens mit Vergnügen: Er polarisierte- die Rolle des intellektuellen Musik-Clowns, der Rockern, Hippies und Klassik-Freunden reihum gleichermaßen vors Schienbein trat, gefiel ihm am besten. Wo sich besonders die europäischen Prog-Rocker beflissen um die Anerkennung ihrer Kunst mühten, knallte Frank Zappa der Zuhörerschaft mit breitem Grinsen absonderliches um die Ohren. Stolperrhythmen, atonales Gelärm, dazu anzügliche Witze und falls sich das Publikum doch mal eingeschwungen hatte, wurde gern die Vorführung unterbrochen, um die Fans ausgiebig zu foppen.
Obendrein war Frank Zappa auch ein provokant guter Musiker- sowas schafft Feinde. Besonders, wenn man sich gleichzeitig über alles und jeden fröhlich macht (wo andere auf ihren Plakaten besonders gut/cool aussehen wollen, ließ Zappa sich auf dem Klo ablichten- übrigens trotzdem eins der bekanntesten Poster der Hippie-Zeiten, das vereinzelt sogar heute noch in einschlägigen Shops zu kaufen ist). Für die einen also die Arroganz persönlich, für die Fans war Frank Zappa natürlich der Großvesir in Sachen "anspruchsvolle Rockmusik" (Verzeihung ;-)

Zappa & die Sixties: Kein Blumenkind...

Frank Zappa selbst war wohl am meisten bewusst, dass er sogar viel mehr Klassik inhaliert hatte als die Europäer. Was er selbstverständlich gern für ironische Witzeleien nutzte und bis zu seinem Tod nicht müde wurde, die hier unbeachteten Strawinsky oder Varese zu propagieren. Im Gegensatz zu den biederen Bildungsbürgern verfügte Frank Zappa aber über einen nicht nur herausragenden, sondern auch sehr bissigen Humor (von dem sich ein Harald Schmidt ca. 20 jahre später eine dicke Scheibe abgeschnitten hat, möchte ich mal behaupten). Diesen setzte er in den 60ern vor allem ein, um Amerika im allgemeinen und die Hippie-Kultur im besonderen streckenweise recht böse zu karikieren.
Schon der Erstling seiner Mothers trieb es auf die Spitze: Bereits anno 66 (bekanntlich ein Jahr vor dem "summer of love") längere Haare und Bärte als die meisten Blumenkinder aus San Francisco unter dem für damalige Zeiten extremen Titel Freak Out. Und während jene in anderen Sphären schwebten, gingen die Mothers of Invention die Spießergesellschaft so frontal an, wie es sich auch die damaligen Polit-Barden kaum trauten. Zappas Fans knüpfen daran bis heute 2 Legenden: Zappa hätte damit den Freak für die Pop-Kultur "erfunden" und zweitens sei Freak Out das erste Doppelalbum der Pop-Geschichte gewesen (was ich beides nicht überprüfen kann).
Dem gesellschaftskritischen Ansatz folgend zog die erste Besetzung seiner Mothers of Invention als eine Art Extrem-Kabarett durch die späten 60er:
"Kein Akkord ist häßlich genug, um all die Scheußlichkeiten zu kommentieren, die in unserem Namen von der Regierung verübt werden."
Ein zeitloser Satz- in den 60ern, wo andere Blumen verehrten und in bunten Farben schwelgten, massakrierten die Mothers Babypuppen auf der Bühne und Zappa ließ eine Stoffgiraffe ins Publikum ejakulieren. Insgesamt die Radikal-Ausgabe der Marx Brothers- ihres Zeichens die Musik-Clowns der Schwarzweißfilm-Ära, mit deren Kopf Groucho Frank Zappa wohl zeitlebens sympathisierte (was sich Groucho Marx nur auf die Oberlippe malte, ließ Zappa wirklich dort wachsen ;-)

Zappas späterhin kultisch verehrte musikalische Fähigkeiten standen allerdings in dieser Zeit nicht so sehr im Vordergrund. Kaum verwunderlich, dass dies den gelernten Film-Komponisten nicht ausfüllte. So kam es, dass Frank Zappa ab ca. 68 viel orchestraler wurde, als alle Prog-Rocker Europas zusammen. Wieder so eine ironische Überhöhung: Denn was die Europäer mit heiligem Ernst Zelebrierten, diente ihm dazu, kräftig an den Altar des Bildungsbürgertums zu pinkeln. Die Musik so atonal wie Free Jazz garniert mit Rülpsern, Sound-Collagen, die er "musikalische Müll-Skulpturen" nannte, die Cover dementsprechend auch mit Müllhalden verziert und die Titel sexuell anzüglich: Uncle Meat und Burnt Weenie Sandwich sind die beiden Alben, die seinen Schritt weg vom Polit-Kabarett dokumentieren. Außerdem versuchte er sich als Theoretiker und referierte vor Musikindustriellen über Underground-Musik.
Und während Frank Zappa nebenbei das Jahrhundertwerk seines alten Kumpels Don van Vliet a.k.a. Captain Beefheart unter dem Titel Trout Mask Replica produzierte, trennten sich die Mothers dann- bzw. wurden vom Chef aufgelöst, denn trotz aller Anti-Haltung war Herr Zappa zeitlebens berüchtigt für seine diktatorische Dirigenten-Attitüde, die mit dem sonstigen Freigeist der Hippie-Ära absolut nichts gemein hatte.

Zappa in den 70ern: Comedy-Fusion & Stardom

Das Dirigententum hielt Frank Zappa allerdings keineswegs davon ab, als nächstes ein weitgehend frei improvisiertes Ding namens Hot Rats vorzulegen, was in der Hippie-Generation lange als das Zappa-Album schlechthin gehandelt wurde. Danach wurde dann wieder mit Flo & Eddie unbesorgt ein Komiker-Duo für den Gesang verpflichtet und diese dann auch gleich in das Film-Musical 200 Motels integriert (in dem auch Beatle Ringo Starr als "Larry the Dwarf" den Prügelknaben gab).
Für den Fall, dass irgendwer gemeint haben sollte, Zappa wäre nun zugänglicher geworden, ließ Mr. Z. gleich nochmal ein orchestrales Intermezzo folgen (Waka Jawaka und Grand Wazoo).
Zwischenzeitlich erreichte Zappa unfreiwillig anderen Ruhm, denn Deep Purple-Sänger Ian Gillian berichtet in einem der berühmtesten Rock-Stücke der Geschichte vom Brand eines Hotels, in dem seinerzeit die Mothers abestiegen waren: Smoke on the Water.
Ab 1973 dockte Frank Zappa dann sehr erfolgreich an den damals populären Jazz Rock (auch "Fusion" genannt) an. Nach Neugründung der Mothers mit anderen Leuten folgt seine druckvollste Periode, in der er (für meinen Geschmack zumindest) seine Essenzen komprimiert: Spieltechnik ist präsent, aber kein Selbstzweck und steht eher im Dienste des Humors, dem er die extremsten Spitzen etwas abgeschliffen hat. Was sich durchaus als Tritt vors Schienbein des Zeitgeistes lesen lässt: Wo der Jazz Rock der damaligen Ära eine weitgehend humorfreie Zone trainingsfleißiger Leistungssportler war, verwendete Zappa seine Technik lieber, um damit Späße zu treiben. Vor allem auch, um damit das Heiligtum Jazz anzusägen:
"The jazz is not dead, it just smells funny"
Stellte er in der Anmoderation von "BeBop-Tango" (vom Live-Album Roxy & Elsewhere) fest- als Ausspruch ebenso legendär, wie die folgende Klamotte, bei der er 2 nichtsahnende Leute aus dem Publikum zu verqueren Jazz-Gesängen tanzen lässt und die Stolperei in der Manier eines Zirkusdirektors kommentiert. Spott gegen so ziemlich alles und jeden: Das kunstbeflissene Publikum, das Muckertum, das Show-Biz und auch sich selbst.
Das Publikum amüsierte sich bestens, weshalb Frank Zappa mit den Alben Overnite Sensation, Apostrophe, Roxy & Elsewhere, One Size Fits All und Bongo Fury das Underground-Level endgültig hinter sich ließ. Das bildete wohl auch die Basis für seine kommerziell erfolgreichste Phase in den späten 70ern. Nach neuerlicher Auflösung der Mothers kam allerdings zunächst eine Atempause mit Zoot Allures und Live in New York, das immerhin den langjährigen Hit Titties & Beer dabei hat. Schließlich folgte 1978 seine meistverkaufte Scheibe Sheik Yerbouti mit seinem bekanntesten Hit "Bobby Brown" (als Spottgesang eigentlich nochmal eine kurze Anleihe in seiner Frühzeit). Damit nicht allzu viel Pop-Euphorie aufkommen konnte, glättete Zappa dann die Wogen mit gleich 3 Konzept-Doppelalben in Folge (Joe's Garage I-IV und Tinsel Town Rebellion).
Allerdings: Stilistisch passiert fast nichts neues, aber Zappa hatte es nun zum Rockstar gebracht- die Sachen verkauften sich wie geschnitten Brot, obwohl die erste Punk-Generation zu jener zeit bereits heftig am Thron solcher Ikonen sägte. Dabei hätte gerade Frank Zappa Punk als Provokation eigentlich recht nahe sein müssen, aber solcher Primitivismus rüttelte wohl zu stark an seinen Grundwerten- denn auf seine Art und Weise war er vielleicht sogar der extremste aller Bildungsbürger, was vielleicht auch selbst so gesehen hätte.

Zappa zum Schluss

Somit ist Zappas große zeit mit Beginn der 80er vorbei, was sich auch sehr deutlich an der Werkschau "Shut up and play your guitar" ablesen lässt. Zu der ein Freund von mir mal bemerkte: "Auf 3 Lps das gleiche alte Zappa-solo..."- außer Zweitverwertung kam nichts neues mehr.
Weitere Boxen dieser Art folgten noch und keiner verstand besser als Frank Zappa selbst, dass er nun von der Substanz seiner früheren Jahre lebte- weswegen er die ganze Serie mit typischer Ironie "You can't do that on stage any more" betitelte. Dazwischen kamen über die 80er noch 2-3 Veröffentlichungen, die bei weitem nicht mehr an seine Höhepunkte der 70er anknüpfen konnten.
Schlagzeilen gab es nochmal nach dem Ende des kalten Kalten Krieges, als sich der damalige tschechische Präsident Vaclav Havel nicht nur als Zappa-fan bekannte, sondern Herrn Z. auch gleich als Kulturbotschafter anheuerte. Und der so geehrte lies sich die Gelegenheit, mal wieder grinsend mit Zylinder zu posieren, auch nicht entgehen.
Musikalisch scheint er während dieser Zeit vorrangig an seinem finalen Orchester-Werk "The yellow shark" gearbeitet zu haben, das allerdings erst posthum uraufgeführt wurde, weil er 1993 an Prostata-Krebs verstarb. (Und mir ist nicht bekannt, ob herr Havel seinem Botschafter ein Staatsbegräbnis spendiert hat...)

Links zu Frank Zappa

Es sind nur wenige brauchbare auszumachen: Aus hierzulande gibt es bei der Wikipedia eine volltständige Frank Zappa-Diskographie und Klaus Unland dokumentiert gleich mehrere Biographien und noch so manches interessante auf seiner Seite.
Ansonsten gibt es da natürlich die offizielle Frank Zappa-Seite seiner Nachlassverwalter.

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