Die Rückkehr von Prog-Rock

Besonders im traditionsbewussten Metal war Prog nie weg, denn mindestens ein zünftiges Solo des Axt-Kämpfers gehört dort seit eh und je zum guten Ton, was der Szene seit den ersten Punk-Zeiten einige pauschale Kritik und genauso viele Vorurteile eingetragen hat. Wo Rush als eine der dienstältesten Kapellen friedlich bis heute touren, ist es eigentlich nur wenig erstaunlich, dass mit dem Auftauchen von Dream Theatre und Spock's Beard seit den frühen 90ern ProgMetal als Trend am Start ist.
Wenn man Prog-Rock ganz allgemein als "komplexe Strukturen" übersetzt, war sowas bereits unterschwellig unter dem Stichwort "Jazzcore" im US-Hardcore der 80er präsent- deutlichstes Beispiel sind die Aktivitäten von Mike Patton mit Mr. Bungle und alles, was danach kam bis Fantomas, plus diverse Seitenarme.
Auf Indie-Ebene haben Sonic Youth beispielsweise auch nie einen Hehl aus ihrer Nähe zur bildenden Kunst gemacht.
Spätestens mit der Renaissance von Brit-Pop um die Mitte der 90er tat sich auch dort einiges, was im Alternative-Bereich Spuren hinterlassen sollte. Als bestes Beispiel nenne ich jetzt mal Radiohead- auch wenn sie interessanterweise von der Prog-Szene nicht als Blutsbrüder betrachtet werden, sind sie das aber im Geiste allemal, würde ich sagen.
Sogar im Hiphop-Sektor ist das ein Thema: Da toppen Tim & Missy seit Jahren die Charts mit derart brüchigen Sachen, bei denen sich kein Rocker trauen würde, sie seinem Label als potenziellen Hit anzudienen. Und die Neptunes hinter Mr. Omnipräsent Pharell Williams werden noch deutlicher mit Bezügen auf Prog-Rock- vielleicht haben sie ihre Band auch genau deswegen Nerd genannt...
Und was im Hiphop erst seit den späten 90ern ein Thema ist, war im elektronischen Sektor zu der Zeit bereits kalter Kaffee- denn mit Drum & Bass, das weithin als einzige echte Neuerung der 90er gilt, waren Komplexitäten dort längst etabliert und ausdiskutiert.

Wenn Komplexität eigentlich überall immer wieder Thema ist, bliebe noch die interessante Frage, warum Prog-Rock so lange Zeit das personifizierte Böse gewesen ist. Ich denke, es dürfte daran liegen, dass in den späten 60ern, als der Pop-Weltmarkt heutiger Prägung entstand, alle zugehörigen Phänome erstmals auftraten und damit besonders deutlich sichtbar wurden: Die ersten Open-Airs, der erste Stadion-Rock, die ersten Musik-Magazine, die den Konflikt zwischen Mainstream und Underground erstmals auf breiter Front ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit brachten.
Apropos Stadion-Rock: Ich denke, hier wurde lediglich das eingesetzt, was damals verfügbar war und nicht erst seit gestern Standard für derartige Großveranstaltungen ist. Großleinwände, Projektionen, Pyrotechnik- das wird heutzutage selbstverständlich von allen genutzt, die in dieser Liga spielen- von Green Day über Limp Bizkit bis zu Jeanette Biedermann...
Und vielleicht hat der bildungsbürgerliche Hippie-Idealismus (der ja hierzulande passenderweise "Studentenbewegung" genannt wurde) auf dem Marsch durch die Institutionen des Musikgeschäfts mit den bombastischen Kunst-Shows der 70er dann auch soundtechnisch seine Unschuld verloren. Hier dürfte wohl in erster Linie die Wurzel des Hasses der späteren Generationen liegen: In aller Eitelkeit biederes Kunsthandwerk mit einem Höchstmaß an technischem Schnickschnack als "große Kunst" verkaufen zu wollen, ist letzten Endes genau die Art von Kapitalismus, gegen die man ursprünglich mal angetreten war.
(Denn wie gesagt: Die wirkliche Kunst machten diejenigen, die nichts vom Kuchen abbekamen...)

Insgesamt betrachtet war so mit Beginn des neuen Jahrtausends in allen Quadranten der Pop-Galaxie neuer Kunstsinn etabliert, der inzwischen soweit common sense ist, dass er streckenweise mühelos die Charts entert, wobei sich allerdings dort kein Mensch für irgendwelche (Hinter-)Gründe interessiert- "Ach? Irgendwie cool, der nächste bitte!" ;-)
Ich würde zwar nicht soweit gehen, solche im Vergleich zu früheren Zeiten relativ problemlosen Erfolge, als "bessere Zeiten" zu sehen, aber wenn der eine oder die andere auf solche Weise einen Link zu "guter Musik" findet (was immer das auch für dich ist), kann ich das nicht schlecht finden.

Zum Schluss noch ein paar Links.

Anderer Meinung?