Die Utopie von Prog-Rock

Wie du siehst: Es geht um die Kunst. Und die zentrale Frage, ob Musik an sich schon Kunst ist oder ob noch zusätzlich was draufgepfropft werden muss. Okok- das ist schon tendenziös formuliert, neutraler sieht die Utopie ja so aus:
Im positiveren Sinne bedeutete Prog-Rock in den späten 60ern, die einfach strukturierte Pop-/Rockmusik für komplexere Ansätze zu öffnen und so neue Möglichkeiten zu erschließen. Das kannst du mit einigem Recht als bürgerliche Opposition gegen den beginnenden Pop-Weltmarkt der Musikindustrie betrachten, die ja bekanntlich bis zum heutigen Tage Probs mit allzu eigenwilliger Musik hat.
Die Schattenseite dessen sind einige typisch akademische Missverständnisse, denn in jenen Kreisen gibt es bekanntlich einige Vorurteile über die Welt außerhalb des Elfenbeinturms ;-)
Als erstes die enthaltene Grundannahme, dass einfache Strukturen/Reduktion nicht als Kunst oder gar "dumm" anzusehen sei. Eine Vorstellung, die von den Debatten, die in der bildenden Kunst rund um Expressionismus/Kubismus/Primitivismus bereits mehr als ein halbes Jahrhundert zuvor stattgefunden hatten, anscheinend noch nie etwas mitbekommen hatte. Und die Tatsache, dass sich Robert Hood Mitte der 90er genötigt sah, dies mit "Minimal Nation" für Techno nochmal zu formulieren, zeigt wohl, dass im schnelllebigen Pop-Geschäft anscheinend jede Generation dieses Rad nochmal neu erfinden muss.
Damit einher geht die bildungsbürgerlich-pädagogische Annahme, dass dem vermeintlich zurückgebliebenen Mainstream-Publikum "Kunstverständnis" vermittelt werden müsse- bekanntlich einer der wesentlichen Entstehungsgründe für Punk.
Schon auf theoretischer Ebene somit schwankender Boden, auf praktischer Ebene kam und kommt noch das Menschliche dazu: Viele "Mucker" erliegen dem Missverständnis, das nur Kompliziertes "gut" sei und beschäftigen sich nur noch damit, möglichst komplexe Strukturen zu verschachteln. Gepaart mit der Eitelkeit, sich als Artist am Instrument zu profilieren, wird diese Mischung schnell unerträglich oder produziert schlicht Langeweile auf höherem Niveau. So war denn auch Prog-Rock lange Zeit das Synonym für pathetischen Bombast-Rock der Siebziger, in dem die anfängliche Kreativität durch kunstbeflissene Großmannssucht erstickt wurde.

Ich denke, die zentralen Fragen dieser Debatte sind recht deutlich: Wieviel Komplexität geht noch, ohne sich selbst und anderen den Spaß zu verderben? Muss eine Show nach dem Motto laufen "Seht her, ich mache Kunst"? Brauchen/wollen wir eine museale Kunst, die getrennt vom restlichen Leben auf irgendeinem Sockel thront?
Alles Fragen, die sich nicht allgemeingültig beantworten lassen- wahrscheinlich sind sie genau deswegen auch immer aktuell. Was geht und was nicht, ist zu jeder Zeit im jeweiligen Kontext immer wieder zu checken- und auch, wenn keiner drüber redet, passiert das ständig.

Wobei sich nach all der Schelte nun noch die Frage stellt, ob denn tatsächlich alles schlecht gewesen ist ;-) Ich finde nicht- es gab auch gute, wenn du die Sounds der 70er heutzutage noch verdauen kannst...

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