Ton Steine Scherben

Warum geht es mir so dreckig?

David Volksmund Produktion
1970

Ausgerechnet Ton Steine Scherben...
Weil es sich aufgrund aktueller Ereignisse so ergab, dass ich mich dem Problemfeld Pop & hiesige Landessprache näher beschäftigte, ist dies die erste Besprechung eines einzelnen Albums jener Zeit, das für die Musik hierzulande ein tatsächlicher Meilenstein ist. Es kommt nicht von ungefähr, dass die Söhne Mannheims im Jahr 2003 "Mein Name ist Mensch" covern. Vor allem die Tatsache, dass das dann im naiven Musikfernsehen heavy rotation geht, zeigt die herausragende Bedeutung des Erstlings von Ton Steine Scherben.

Klima 1970

Im Jahre 1970 war die APO am Ende- die Protagonisten hatten fertig studiert und waren dabei, sich die Assimilation durch das System als "Marsch durch die Institutionen" schönzureden. Wortführer Dutschke halb tot geschossen, Student Benno Ohnesorg, an den sich in seiner Heimatstadt Hannover bis heute niemand erinnern will, ermordet- einzelne Leute zogen militante Konsequenzen.
Auch musikalisch schien nicht nur alles gesagt, es war auch auf ähnliche Weise "gescheitert" (wenn man das denn so nennen kann), wie die Studentenbewegung in Westdeutschland: Nach dem Overkill von Woodstock kam die Bluttat von Altamont, wo die Rolling Stones als Headliner die Hell's Angels als Ordner verpflichtet hatten und eins von deren Mitgliedern einen Stones-Fan direkt vor der Bühne erstach.
Pünktlich zum Jahrzehntwechsel endeten die Blütenträume der Hippies in jeder Hinsicht.

No Trend

Das ist das Klima, in dem Warum geht es mir so dreckig? entstand- noch deutlicher als mit diesem Titel lässt sich die Situation der Hinterbliebenen kaum auf den Punkt bringen.
Ton Steine Scherben waren im Musikgeschäft absolut chancenlos: Vom Sound her in Richtung der frühen Rolling Stones angesiedelt, was die einen inzwischen als unmodern betrachten konnten und die anderen via Hardrock längst hinter sich gelassen hatten (Deep Purple In Rock erschien im gleichen Jahr).
Vor allem war die konsequente Verwendung der deutschen Sprache zusammen mit Rockmusik damals schlicht unerhört. Im pop-kulturellen Entwicklungsland BRD, wo alle, die vom Starruhm träumten, ihre gesamte Energie darauf verwendeten, die anglo-amerikanischen Vorbilder möglichst Detailgetreu zu kopieren, war das ökonomischer Selbstmord. Und das mit voller Absicht: Ton Steine Scherben zählen hierzulande zu den ersten, die mit dem real existierenden Pop-Biz auch nichts mehr zu tun haben wollten.

Sprache & Politik

Wo schon allein der umfassend-kompromisslose Einsatz von deutscher Sprache im Rock für damalige Verhältnisse ein Kulturschock war, setzten die Texte dem noch die Krone auf:
Ein aggressiver Rio Reiser in der Form seines Lebens spuckt dem Establishment nichts als Wut ins Gesicht- von Generationenkonflikt ("Ich will nicht werden, was mein Alter ist"), über Terrorismus-Sympathie ("Wer das Geld hat, hat die Macht") hin zur Straßenkämpfer-Hymne "Macht kaputt, was euch kaputt macht". Die zweite Seite ist etwas ruhiger gehalten- dort findet sich die Forderung nach Menschlichkeit, die die Söhne Mannheims neu auflegten und vor allem mein perönlicher all-time-favorite, der im Sound einer freundlichen Klavierballade böse Satire bringt: "Sklavenhändler" (..."für mich bist du der Eine, der uns Armen Arbeit gibt..." ;-)
Das nenn ich "Kapitalismuskritik"- bibeltreue Heuschreckenvergleiche des SPD-Vorsitzenden sind ein Sandkastenspiel dagegen. Gerade die Tatsache, dass die Texte auch 35 Jahre später brennende Aktualität besitzen, illustriert den Quantensprung, der Ton Steine Scherben hier glückte.
Das Erstaunlichste an Warum geht es mir so dreckig? ist nach wie vor, wie gut das Sprachliche hier funktioniert- wohlgemerkt ohne alle Vorbilder. Weitgehend unpeinlich (das natürlich vorhandene 68er-Pathos ist Geschmackssache), funktioniert das aber vor allem so reibunslos, als ob es das Selbstverständlichste wäre. Mehr noch: Dieser Aufschrei kann bis heute regelrecht verstören, weil er sich eben nicht in den Hintergrund ausblenden lässt, wenn du jede Silbe verstehst.

Vorsprung durch Lofi

Auf Sound-Ebene wurde erstmal aus der Not eine Tugend gemacht: Ohne besondere Möglichkeiten als echte Eigenproduktion entstand womöglich eher unfreiwillig knirschender Lofi-Rock, der bestens zum textlich-politischen Anliegen passt und durch das Fehlen jeglicher Trendyness frisch geblieben ist. Ein Effekt, mit dem damals wohl noch nicht planvoll gearbeitet wurde, was der Sache keineswegs einen Abbruch tut. Und das soetwas im nächsten Jahrtausend immer noch aktuell sein könnte, hätten sie sich damals wohl auch nicht träumen lassen.

Auch aus einer anderen Not konnten Ton Steine Scherben eine Tugend machen: Um die LP herauszubringen wurde mit "David Volksmund Produktion" kurzerhand ein eigenes Label gegründet, lange bevor dies nach der ersten Punk-Welle weltweit um sich griff.

Später...

Auch wenn die Hippie-Generation den späteren Alben mehr Bedeutung beimisst, markiert Warum geht es mir so dreckig? in jeder Hinsicht einen Durchbruch. Minimalistischer Sound, klare Sprache, Eigenvertrieb- kein Wunder, dass dies von der Punk-Generation gern eingemeindet wurde. Nicht zuletzt unter dem Aspekt der Landessprache eine einsame Leistung, an die die hiesigen Punks erst 10 Jahre später wieder anknüpfen konnten. Nicht einmal Ton Steine Scherben selbst konnten (und wollten) das nicht mit dieser Radikalität fortsetzen.
Trotzdem wird der Stellenwert dieses Albums sogar noch größer, wenn man den Backlash nach dem Ausverkauf der Neuen deutschen Welle mitbedenkt, nach dem erst in den 90ern wirklich angefangen wurde, sich so etwas wie Normalität im Umgang mit der eigenen Sprache zu erarbeiten. In diesem Kontext betrachtet ist dieses Low-Budget-Album, dessen Cover noch bis in die 80er hinein von den Bandmitgliedern aus zwei schlichten braunen Pappdeckeln zusammengetackert wurde, ein höchst erstaunliches Artefakt ;-)

Scherben in Scherben

Allerdings wäre auch noch zu sagen, dass Warum geht es mir so dreckig? in seiner aggressiven Kompromisslosigkeit und dem knarzigen Billigsound unter den Veröffentlichungen der Scherben eine Sonderrolle einnimmt. Die folgenden Alben näherten sich immer mehr dem an, was in den 70ern als "professioneller Sound" gelten konnte, denn die Scherben konnten sich das dann allmählich leisten. Passend dazu wich auch etwas die Wut aus den Texten, während parallel mehr "Hippie-Elemente" Einzug hielten (d.h. Balladen, Piano, Pathos, etc...). Könnte auch daran gelegen haben, dass sie ihre Lebensumstände entsprechend änderten, als sie Westberlin den Rücken kehrten, um in Schleswig-Holstein eine typische 70er-Landkommune zu gründen.
In den frühen 80ern bespielten die Scherben dann tatsächlich große Hallen und befanden sich durchaus auf dem Sprung zum Starruhm, hatten sich dann aber wohl bei der Selbstorganisation derartiger Touren so verkalkuliert, dass dies in einen regelrechten Konkurs mündete. Rio Reiser machte bekanntlich allein weiter und konnte sogar 1-2 Chartserfolge landen, bevor (93?) an Aids starb.
Auch wenn er in seinen letzten Jahren auf kritische Distanz zu seiner Zeit bei Ton Steine Scherben ging und seinen eigenen Beitrag stark relativierte, bleibt Warum geht es mir so dreckig? ein Album, das bis heute zeigen kann, dass einiges möglich ist, wenn du nicht nur dem Mainstream hinterher läufst.

Noch etwas zur allgemeineren Bedeutung der Scherben in der damaligen Musik-Szene gibt es im Krautrock-Artikel.

Anderer Meinung?